Kategorie-Archiv: Absonderliches

Allein fahrende Taschen in der Regionalbahn

In den Regionalbahnen – weniger in den S-Bahnen – fällt mir zunehmend ein Phänomen auf: Allein fahrende Taschen, die auf einem Sitz lagern, aber niemand zu gehören scheinen. Trotz eines vollen Zuges und obwohl sie augenscheinlich keinen Fahrschein besitzen, belegen diese Taschen Sitzplätze. Der sitzende Mensch daneben, scheint mit dem Bündel neben sich, nichts zu tun zu haben. Darauf angesprochen, schaut sie oder er erst weg und räumt den Nebensitz dann widerwillig, nicht ohne missbilligend und schlecht gelaunt in das Weite des Zugabteils zu starren.

Quelle Keystone

Es gibt Zeitgenossen, die haben diese Art des Egotrips und der persönlichen Abschottung weiter perfektioniert: Sie sitzen am Gang, platzieren die Tasche am Fenster und verriegeln dann den Zugang mit lang ausgestreckten Beinen. Sie haben dicke Kopfhörer übergestülpt und halten die Augen geschlossen, um jedem klar zu machen, dass sie nicht angesprochen werden wollen, schon gar nicht auf die Tasche. Wer es trotzdem wagt, in diese feindselige Festung einzudringen und diesen Menschen fragt, ob der Sitzplatz daneben frei sei, erntet empörte Blicke.

Die Beine werden dann zunächst so langsam eingefahren wie der Ausleger eines überdimensionalen Baukrans. Der Kopfhörer bleibt auf und wird gegen Abrutschen gesichert. Langsam in Zeitlupe wird die wahrscheinlich tonnenschwere Tasche vom Sitz entfernt und zwischen die Beine geklemmt. Nicht ohne darauf zu achten, dass die Tasche so platziert ist, dass das Erreichen des nun freien Sitzplatzes akrobatisches Geschick erfordert. Strafe muss sein!

Nachhilfe für Schwaben: Wie verstehe ich Berliner?

Als Badener, der schon 22 Jahre in Berliebt, fällt mir immer wieder auf, wie schlecht die zahlreichen Berlin besuchenden oder auch nach Berlin ziehenden Schwaben die Berliner verstehen. Die Nachhilfestunde des SC Freiburg für den VFB Stuttgart im Fußball am letzten Sonntag, ermutigen mich nun, meinen schwäbischen Mitbürgern auch in Sachen „Verhalten der Berliner“ etwas Nachhilfe zu geben.

Fangen wir in einer Bäckerei an. Ganz falsch wäre es – lieber Schwabe – nach der Bestellung der drei Brötchen (um Gottes Willen nicht „Weckle“) ein: „Darf es noch etwas sein?“ zu erwarten. Der archetypische Berliner Versorger oder Verteiler – Verkäufer wäre wirklich am Thema vorbei – bevorzugt eine ehrliche Kundenbeziehung ohne geschäftliche Hinterabsichten. Dafür reicht ein „Noch?“ oder in der ausführlichen Wochenendlangform ein „Noch etwas?“; kurz, präzise ohne jede Anbiederei.

Schild in Berliner Kneipe; Quelle: www.schwaebische.de

Kleiner Exkurs: An sich sollte diese Sparsamkeit eine Brücke zwischen Euch Schwaben und den Berlinern bauen: Die Berliner sparen mit Worten, Ihr beim Geldausgeben.

Es ist unbedingt anzuraten, diese Ebene der ehrlichen Kunden – Lieferantenbeziehung zu wahren und immer mit einer ebenso knappen Antwort zu reagieren. Zusätzlich wird eine leicht devote Haltung meist auch positiv aufgenommen und stabilisiert die Beziehung.

Die Berliner sind nicht nur ehrlich, sie schätzen auch eine gewisse Ordnung im Chaos. An das alltägliche Chaos zum Beispiel bei der S-Bahn oder beim Flughafen haben sich die Berliner gewöhnt. Bewahrt haben sich trotzdem einen preußischen Ordnungssinn, der sich dann in den Details des täglichen Lebens unerbittlich zeigt. Wildes Durcheinander beim Anstehen in eine Wäscherei wird mit dem Ordnungsruf: „Abgabe links“ korrigiert. Die etwas bösere Variante lautet: „Können Sie nicht lesen?“. Dabei unterstellen die Berliner nicht wirklich eine Leseschwäche der Schwaben. Nein, im Berliner Archetyp steckt immer auch einer Lehrer, der motivieren möchte. Deshalb gleich die nächste Lektion für Euch Schwaben.

Neben dem Ordnungssinn schätzen die Berliner die Genauigkeit. Eine Berliner Friseuse würde sich auf die Frage: „Wie lange kann es noch gehen, bis ich dran bin?“ niemals einer ungefähren Zeitangabe hinreißen lassen. Lieber sagt sie „Das kann ich nicht genau sagen!“. Wie soll sie den auch die Zeit zum Ausfegen des Ladens abschätzen? Das Defizit von Griechenland im nächsten Jahr lässt sich ja auch nicht exakt vorhersagen.

„Weiß nicht“ oder „geht nicht“ hört der Schwabe in Berlin nur zum eigenen Schutz: So können überhöhte Erwartungen nie enttäuscht werden. Diese ehrliche Beziehung wird manchmal noch vertieft durch Insiderinformationen: „Wenn die mir“ – gemeint sind die Vorgesetzten – „keine Schulung geben, braucht es halt lange bis ich die Daten für einen Ausweis aufgenommen habe.“ An dieser Stelle lieber Schwabe einen guter Rat: Nicht genervt wirken. Hier entwickelt sich gerade ein vertrautes Tete a Tete, das noch Stunden dauern kann.

Aber nicht falsch verstehen: Übertriebene Freundlichkeiten kommen nicht gut. Zieht sich die Ausstellung des Ausweises bis in die Abendstunden, so kann man das lange Zusammensein mit einem knappen „Schönen Abend, noch“ abschließen. Wichtig aber dabei wieder, nicht in die Augen schauen oder ja keine weiteren Fragen. Wir wissen ja noch aus ersten Lektion: Anbiederei kommt nicht gut an.

Für Euch zusammengefasst: Die Berliner verfügen über einige schwäbische Eigenschaften. Sie sind sparsam mit Worten und lieben korrektes Verhalten in Situationen, in den man es nicht vermutet. Außerdem sind sie ehrlich und direkt. Wenn Ihr das alles beherzigt, kommt ihr gut durch.