Kategorie-Archiv: Politik-News

Ein Albtraum: Rente mit 18

Neulich hatte ich einen Traum: Ein Dachdenker steigt vom Gerüst. Unten steht Kurt Beck mit Tränen in den Augen. Und Andrea Nahles mit einem Geschenk-Karton. “Rente mit 63″ steht darauf. Endlich darf Kurt Becks Dachdenker runter vom Dach und muss nicht bis 67 in schwindligen Höhen herumturnen. Die Welt ist wieder ein Stück gerechter geworden. Unsere beliebte große Koalition lässt Träume wahr werden und löst Probleme, die gar keine sind. Alle sind glücklich.

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“Viele junge Hartz-IV-Empfänger in Berlin”, Quelle FAZ 2012

Nur die vielleicht nicht, die gar nicht ins Arbeitsleben finden. Rente mit 18 – ein Albtraum. 15% oder jeder sechste Jugendliche bleiben in Deutschland ohne Berufsabschluss. Ungefähr jeder zweite aus dieser Gruppe, stammt aus einer Familie, die ihren Lebensunterhalt mit Hartz4 bestreiten. Ein Drittel davon wird von der Bundesanstalt für Arbeit als „inaktiv“ eingeschätzt, also nicht arbeitssuchend oder in irgendeiner Beschäftigung. Ein ziemlich große große Gruppe, die aussortiert und wenig beachtet ihr Leben am Rande der Gesellschaft mit Sozialtransfers fristet. Nicht nur ohne Teilhabe am Erwerbsleben, sondern auch an anderen gesellschaftlichen Aktivitäten. Natürlich beteiligt sich diese Gruppe auch kaum an Wahlen.

Jetzt könnte man einwenden: Diese Gruppe gab es zu allen Zeiten. Keine Gesellschaft schafft es, Menschen zu 100% in das Erwerbsleben zu integrieren. Das ist richtig! Aber richtig ist auch, dass diese Problemgruppe inzwischen zahlenmäßig stark zunimmt – besonders durch Migranten. Und sich in bestimmten Städten und Bezirken wie in Berlin und Bremen konzentrieren.

Wie der Schulunterricht in so einem Stadtteil aussieht, schildert der Berliner Aushilfslehrer Philip Möller eindrucksvoll: “Isch geh Schulhof“. Die Hoffnungslosigkeit bei Schülern, Eltern und Lehrern, die er schildert, ist bedrückend – bei aller Situationskomik. Doch wie kann dieser Teufelskreis aus Frustration und Demotivation durchbrochen werden? Mehr Geld, für diesen Bereich zu investieren, ist zwar notwendig, aber längst nicht ausreichend. Geld alleine wird dieses Problem nicht lösen!

Zunächst einmal müssen wir – die Gesellschaft und die Politik – dieses Thema als eine der zentralen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte akzeptieren und den Zusammenhang mit dem demographischen Wandel und der zunehmenden Migration verstehen. Und dann bedarf es vieler kleiner Schritte, die auch nicht in einer Wahlperiode ihre Wirkung entfallen können.

Viele sinnvolle Initiativen gibt es jetzt schon: zum Beispiel Jugend in eigener Sache. Ein Projekt, mit dem Lehrern geholfen werden soll, Schüler “beschäftigungsfähiger” zu machen. Sicherlich sehr sinnvoll! Auch wenn an vielen Schulen die Probleme noch elementarer sein werden. Sicher ist aber auch: Die Lehrer werden bisher nicht auf die  Situation, die sie in solchen Problemklassen vorfinden, vorbereitet. Und viel zu wenig dabei unterstützt! Dabei sollte jeder Lehrer eine Auszeichnung bekommen, der es schafft, nur einen Schüler in eine Berufslaufbahn zu bringen, der es sonst nicht geschafft hätte. Denn es besteht die Chance, dass dieses Beispiel anderen Mut gibt, diesen Weg auch schaffen zu können.

Eine andere Initiative, die schon viel erreicht hat, ist Litcam von der Frankfurter Buchmesse und das Projekt Fussball trifft Kultur: 2007 hat Litcam begonnen Jugendlichen – meist Jungen – neben den Schule Lesen und Schreiben beizubringen. Mit Fussballern von Eintracht Frankfurt. Heute hat sich diese Projekt so ausgeweitet, dass viel Bundesligavereine und andere Organisationen sich daran beteiligen. Und die Aktivitäten gehen jetzt über einer reine Alphabetisierungskampagne hinaus.

Sehr gute Ansätze! Aber insgesamt noch viel zu wenig. Vielleicht kommt dieses Thema nach der Rente mit 63 jetzt endlich oben auf die Agenda der Politik. Und ein Politiker wie Herr Seehofer überrascht uns mit folgenden Worten:

“Es darf nicht länger sein, dass eine so große Gruppe von Menschen ohne Berufsabschluss und Perspektive am Rande der Gesellschaft lebt. Dieses Thema ist eines der zentralen Herausforderungen in Deutschland in diesem Jahrhundert. Es geht nicht alleine um soziale Folgekosten, es geht vor allem darum, ob wir uns als solidarische Gesellschaft begreifen und entsprechend handeln.

Wir müssen vor allem Lehrern und Schulleitern helfen! Aber das alleine wird nicht genügen: Wir benötigen ein breites gesellschaftliches Engagement, dass diesen jungen Menschen das Gefühl gibt, dazuzugehören und nicht ausgegrenzt zu sein. Auch wir, die wir in Bayern dieses Problem in vielen Gegenden bisher nicht haben, unterstützen dabei!

Viele von uns haben in den letzten Jahrzehnten einen persönlichen sozialen Aufstieg geschafft.  Ich als Kind aus einer Arbeiterfamilie weiss, wie wichtig Bildung dabei ist. Aber auch die Unterstützung von anderen Menschen in der Familie und im engen Umfeld. Lasst uns diese Erfahrungen nutzen! Gemeinsam können wir viel erreichen!”

 

 

 

 

 

Füchse im Hühnerstall – Amitz Dulnikker ist überall

Ephraim Kishon hat ihn beschrieben: Den Politiker, der alles regeln muss, immer auf der Suche danach, seinen Anhängern etwas Gutes zu tun und die Welt in seinem Sinne gerechter zu machen. Doch dieser Politiker Amitz Dulnikker bricht mitten in einer Rede zusammen. Er braucht dringend Ruhe und Erholung. Diese hofft er in dem weit abgelegenen Dorf Kimmelquell zu finden. Zusammen mit seinem Sekretär Ze’ev bringt er aber sehr schnell die dörfliche Ordnung und Ruhe durcheinander, indem er versucht in dem Dorf ein demokratisches Modellsystem einzuführen. Er spaltet das Dorf in zwei Lager und bringt sogar den Schuster dazu, sich selbst zu bestreiken.

Politiker wie Amitz Dulnikker findet man auch heute überall. Es gibt sie in allen Parteien, in allen Parlamenten und auf allen Ebenen. Sie sorgen bei allen Gesetzen und Regulierungen dafür, dass ihre Handschrift sichtbar wird.

Einfachheit und Transparenz sind ihnen fremd. Sie lieben Ausnahmen in Bestimmungen, besonders wenn sie wählerwirksam verkauft werden können.  Dabei geht es ihnen in Wirklichkeit nicht um Gerechtigkeit. Es geht ihnen darum, nicht festgelegt werden zu können. Für jeden noch so seltenen Einzelfall ein Argument zu haben.

Diese modernen Amitz Dulnikkers sind lebende “Sowohl als Auchs”. Da sie niemand weh zu tun scheinen, sind sie beliebt. Diese Beliebtheit zu erhalten, ist ihr Hauptziel. In ihrem Wahlkreis fehlen sie bei keiner  Einweihung einer neuen Feuerwehrspritze und bei keiner Geburtstagsfeier einer lokalen Größe.

Aber sie setzen sich auch ein, zum Beispiel für das Sparen. Allerdings mehr im Allgemeinen. Geht es um Zuwendungen für eine Gruppe, die sie für ihre potentiellen Wähler halten, kämpfen sie wie ein Löwen und lassen sich für jede noch so abstruse Subvention feiern.

Wenn ich mir für das neue Jahr etwas wünschen darf: Schicken wir diese Dulnikkers nach Kimmelquell. Gönnen wir ihnen ein Jahr eine Pause. Und ich bin mir sicher: Keinem geht  es auf lange Sicht schlechter.

Willy Brandt wählen hieß ein anderes Deutschland wählen

Meine erste Wahlveranstaltung besuchte ich 1972 im Alter von 17 Jahren. Eingeladen hatte die örtliche CDU meiner Heimatstadt am Bodensee. Die hatte im Ort und in der ganzen Gegend eine satte Mehrheit. Für die Sozialdemokraten war meine Heimatregion von Anbeginn an Diaspora. Wer etwas werden oder erreichen wollte, war bei der SPD in der falschen Partei.

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Quelle: Haftgrund.net; Dokumentation zum Wahlkampf der CDU/CSU 1972

Alle wichtigen Leute des Ortes waren auf der CDU-Veranstaltung. Kurz nach Beginn meldete sich ein stadtbekannter christlicher Bürger zu Wort: Dieser Willy Brandt alias Herbert Frahm sei ein Vaterlandsverräter. Mit seiner Ostpolitik würde er Deutschland in den Rücken fallen wie schon früher als norwegischer Soldat den deutschen Truppen.

Der Applaus war dem Redner sicher! Besonders aus der Ecke im Saal, wo die saßen, die man am besten nicht nach ihren Aktivitäten vor 1945 fragte. Alle waren mit sich und der Welt im Reinen. Nur nicht mit dem Mann, der seit 1969 Bundeskanzler war und dem einige im Saal am liebsten die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen hätten. Der war ein Außenseiter und sollte es bleiben.

Mein Entschluss stand fest: Ich wollte für die Wiederwahl Brandts kämpfen. Mich brandtkniet2einsetzen für eine andere Bundesrepublik. Ein Deutschland, das Versöhnung mit den Nachbarn anstrebte. Ein soziales Deutschland, in dem ein aus schwierigen Verhältnissen stammender Emigrant wie Brandt an die Spitze des Staates aufsteigen konnte.

Wir gründeten eine Wählerinitiative “Willy wählen” und führten Wahlkampf fast rund um die Uhr; Schüler, Studenten und Arbeiter. Als dann die Regierungsparteien die Wahlen gewannen, lagen wir uns den Armen. Der Sieg 1969 war kein Zufall gewesen. Brandt konnte Bundeskanzler bleiben. Ein anderes Deutschland war möglich!

 

Die deutsche Rentenversicherung – kinderleicht erklärt!

Da ich nicht riskieren möchte, dass meine Tochter politikverdrossen wird, habe ich mir vorgenommen, ihr verschiedene politische Themen einfach zu erklären.

Begonnen habe ich mit der Rentenversicherung. Um es vorweg zu nehmen: kein leichtes Unterfangen.

Tochter: Bezahlen wir denn in die Rentenversicherung ein, wie in eine Lebensversicherung?

Ich: Nicht so ganz. Die Rentenversicherung ist eigentlich keine Versicherung. Die Arbeitenden geben einen bestimmten Prozentsatz – im Augenblick ca. 20%  - für die Rentner ab. Das nennt man Umlageverfahren.

Tochter: Aha. Das heißt. Die Jungen zahlen für die Alten. Zurückgelegt wird nichts.

Ich: Genau!

Tochter: Ich habe gelesen, dass es immer mehr Alte und immer weniger Junge gibt. Funktioniert das Ganze dann auch noch, wenn ich einmal in Rente gehe?

Ich: Das Geld für die Rente wird immer knapper. Aber die Politiker haben darauf reagiert.

Tochter: Meinst Du die Rente mit 67?

Ich:  Ja, aber nicht nur. Es gibt nämlich auch einen Zuschuss aus dem Bundeshaushalt zu den Renten. Für den Bundeshaushalt werden Steuern verwendet: ca. 300 Mrd im Jahr im Augenblick. Ungefähr 80 Mrd davon gehen als Zuschuss in die Rentenkasse.

Tochter: Das ist aber eine ganze Menge!

Ich: Ja, ungefähr jeder vierte Euro für die Rente kommt aus dem Bundeshaushalt. Zum Beispiel wird ein Teil der Öko-Steuer auf Benzin für die Rentenkasse verwendet.

Tochter: Heißt das, wenn ich mit Eurem Auto durch die Gegend fahre, finanziere ich die Rentner mit?

Ich: So ungefähr!

Tochter: Ich habe zwei Fragen: Warum ist alles so kompliziert und warum hat man nicht einfach Geld für die Rentner angespart?

Ich: Tja, zum einen hat ein früherer Bundeskanzler gemeint, Ansparen sei nicht nötig, da es immer genug Kinder gäbe. Heute weiß man, dass das nicht stimmt.

Zum anderen weiß glaube ich heute keiner mehr, warum das alles so kompliziert geworden ist. Vielleicht liegt es an politischen Kompromissen.

Tochter: Wie das?

Ich:  Politiker müssen immer Kompromisse schließen, wenn verschiedene Parteien gemeinsam reagieren. Wenn der eine einen Hubschrauber will und der andere ein Flugzeug, werden manchmal an das Flugzeug Rotoren montiert.

Tochter: Das fliegt doch gar nicht mehr!

Ich: Das ist oft das Problem mit politischen Kompromissen. In der Praxis sind sie oft so kompliziert, dass sie nicht richtig funktionieren und sie keiner mehr versteht.

Quo Vadis SPD?

Als der Münchner Oberbürgermeister und Spitzenkandidat der SPD in Bayern Christian Ude gefragt wurde, wie er sich die guten Umfrageergebnisse des amtierenden Ministerpräsidenten Seehofer erklären würde, antwortete er unter anderem: Die CSU würde davon profitieren, dass sie viele Positionen der SPD übernommen habe.

So ein Pech! Politische Ideen lassen sich “leider” nicht schützen oder patentieren. Das hat die SPD schon schmerzlich feststellen müssen, als die Bundeskanzlerin der Sozialdemokratie Wähler der Mitte abnahm, indem sie sich in Gestalt der Familienministerin von der Leyen dem sozialdemokratischen Familienbild annäherte.

Was bleibt für die SPD? Das ewig junge Thema „Gerechtigkeit“! Um das glaubwürdig zu verkörpern, hat man sich einen Kanzlerkandidaten gesucht, der die von der sozialdemokratischen Seele als ungerecht empfundene Agenda 2010 wieder korrigieren darf, nachdem er sie zuvor maßgeblich mit aus der Taufe gehoben hat.

aus dem Tagesspiegel 19.11.2011 Bild DPA

aus dem Tagesspiegel 19.11.2011 Bild DPA

Auch wenn man nicht bestreitet, dass im Niedriglohnbereich und bei anderen Fehlentwicklungen Korrekturen sein müssen, stellt sich trotzdem dem unbedarften Wähler die Frage: Muss ich deshalb der SPD meine Stimme geben und Herr Steinbrück zum Bundeskanzler machen? Gefühlt ist das in etwa so, wie wenn in einem Unternehmen der Betriebsrat zum Vorstand gemacht wird. Die Betriebsrat sorgt bestimmt für Gerechtigkeit, aber kann er den Laden auch führen?

Der treue SPD-Wähler steckt nun in dem gleichen Dilemma wie Stefan Raab: Für etwas mehr Gerechtigkeit kann ich auf dem Beifahrersitz als kleinerer Partner einer großen Koalition sorgen. Aber dafür steht Herr Steinbrück nicht zur Verfügung! Selten hat die SPD und ihr Kandidat eine Wahlkampagne geführt, bei der so wenig zusammenpasste.

Dabei gäbe es Chancen, die sich daraus ergeben, dass die Bundeskanzlerin und die derzeitige Regierung die aktuell großen Herausforderungen wie z.B. die Finanzkrise oder die Energiewende im besten Fall leidlich “managed”, meist aber nur verwaltet. Die Frage bleibt offen: Wo soll dieses Land in Zukunft hinsteuern? Das Thema “Gerechtigkeit herstellen” ist dabei sicher eine wichtige, aber halt nur eine Facette. Besonders wenn diese “Gerechtigkeit” in vielen Teilen der SPD als Verteilungsgerechtigkeit und nicht als Chancengerechtigkeit verstanden wird.

Die Legende vom Betreuungsgeld – die Bayern schlagen zurück

Fälschlicherweise wird immer wieder behauptet, das Betreuungsgeld – von bösartigen Kritikern Herdprämie genannt -  werde von der bayrischen Politik gefordert, weil diese ein völlig antiquiertes Frauen- und Familienbild habe. Dass diese Behauptung völlig falsch ist, zeigen schon die Familienverhältnisse  des Ministerpräsidenten. 

Hinter der Forderung nach dem Betreuungsgeld steckt ein perfider und “hinterfotziger” Plan. Für alle Nicht-Bayern:  “hinterfotzig” heißt in Bayern intelligent und gilt als Kompliment.  Besonders gern gesehen wird in Bayern “hinterfotziges” Verhalten, wenn Preußen die Leidtragenden sind. Und das ist hier der Fall!

Denn es geht ums Geld. Genau gesagt, um 3,5 Mrd Euro. Die müssen die Bayern wegen des depperten Länderfinanzausgleichs direkt in das marode Loch Berlin überweisen. Markus Söder als bayrischer Finanzminister und Leiter der Task Force „Rache“ hat eine Doppelstrategie entworfen: Eine Angriffspunkt ist Karlsruhe, das Bundesverfassungsgericht. Und der andere zielt geographisch direkt auf den Kern des Übels nach Berlin. Das trojanische Pferd ist dabei das Betreuungsgeld.

Sie wissen immer noch wie? Um das zu verstehen, muss man bei Pisa schon recht gut abschneiden. Wie die Bayern eben.

Zu den Fakten: Das Betreuungsgeld kostet 2,5 Milliarden im Jahr. Vielleicht 1 Milliarde fließt direkt nach Bayern, weil die so wenig Kitas haben. Eine volle Milliarde holt sich hier der Söder direkt zurück!

Aber die Hinterfotzigkeit hört hier gar nicht auf und richtet sich direkt gegen Berlin.  Die haben zwar Kitas, aber keiner geht mehr hin, weil das Geld sich ja besser gleich direkt für Alkohol und Zigaretten ausgeben lässt. Der größte Anteil des versoffenen Betreuungsgeldes fließt gleich wieder ans Finanzamt: Kostet eine Wodkaflasche 5 EUR ist der Fiskus über Mehrwert- und Branntweinsteuer mit 4,20 dabei!

Jetzt fragt sich der geneigte Leser: Was haben die Bayern davon? Richtig freuen kann sich Markus Söder und sein kongenialer Parteifreund Dobrind darüber, dass die Preußen weiter doof bleiben: Die PISA-Ergebnisse werden dank Betreuungsgeld in Berlin nicht besser.  Damit  wächst natürlich der  wirtschaftliche Vorsprung der Bayern; das heißt höhere Löhne und mehr Steuern. Am Ende sogar mehr Betreuungsgeld, weil mehr Frauen zuhause bleiben können.

Warum wird dieser Plan in Berlin nicht entlarvt? Unser regierender Bürgermeister bemerkt erst drei Wochen  vor Eröffnung, dass er keinen neuen Flughafen hat. Wie soll der Markus Söder auf die Spur kommen.

Politik für Anfänger

Es gibt Länder, die sich Demokratie nennen, da soll es gang und gäbe sein, dass Politiker Wähler mit Geldscheinen bestechen, damit sie an der richtigen Stelle ihr Kreuz machen.

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Glücklicherweise sind wir von solchen Sitten weit  entfernt. Bei uns funktioniert Politik völlig anders. Um zu verstehen wie und mit welchen Mechanismen, versetzen wir uns in eine kleine mittelalterliche Stadt und stellen uns vor, die hätten unsere Demokratie mit Regierung und Parlament.

Und schon sind wir mittendrin in einer Fraktionssitzung der Regierungspartei  im  Ort Hinterweiler. Thema: Wie können wir bei der nächsten Wahl mehr Stimmen bei den Leuten in den Vortorten gewinnen? Dann kommt ein spannender Vorschlag: Die Leute müssen doch immer zu Fuß von den Vororten in die Stadtmitte zur Arbeit gehen. Wenn wir sie dabei entlasten, verbessern wir unser Ansehen und bekommen mehr Stimmen.

Nach kurzer Pause entsteht auf den hinteren Bänken die wegweisende Idee: Die Leute verbrauchen auf ihrem Weg Kalorien, dafür geben wir eine Hilfe in Form von zwei Semmeln. Sie sehen Hinterweiler liegt in Bayern, die Idee funktioniert aber auch in Schwaben, da sind es dann Weckle oder in Niedersachsen Brötchen.

Von der Fraktionsspitze kommt nun der Einwand: Das wird uns von der Oppositionspartei und den Medien als direkte Bevorzugung der „Vorortler“ vorgehalten. Eine Arbeitsgruppe findet  nach einiger Zeit die rettende Lösung: Nicht die „Vorortler“ werden subventioniert, sondern die Bäcker, die den „Vorortlern“ die Brötchen zuteilen sollen.

Diese geniale Lösung hat mehrere Vorteile. Jeder Einwand kann nun weggewischt werde mit dem Zauberwort:  Arbeitsplätze!  Denn es werden ja Arbeitsplätze bei den Bäckern gesichert.

Ja noch mehr: Es entstehen neue Arbeitsplätze in der Stadtverwaltung, um die Zuteilung der Brötchen zu überwachen. Darüber spricht man dann aber nicht so laut öffentlich, denn selbst in Hinterweiler ist dieser Art der Aufblähung der Stadtverwaltung – außer bei den abgehalfterten Politkern , die auf diesem Weg versorgt werden  -  nicht mehr sehr populär.

Die große Regierungspartei ist glücklich und freut sich auf die nächste Wahl. Wenn da nicht der kleine Koalitionspartner wäre, der zähneknirschend zugestimmt hat, jetzt aber auch seine Leute bedient haben möchte.

Treue Wähler des kleinen Koalitionspartners sind die Wäschereien der Stadt bzw. deren Besitzer. Der kleine Koalitionspartner hat nun für alle überraschend festgestellt, dass der Bach im Ort weniger Wasser führt als der im Nachbarort. Die Wäschereien sind von der außerstädtischen Konkurrenz bedroht! Sie werden es schon ahnen: es droht ein Verlust an Arbeitsplätzen. Also wird eine „Wenigwasserhilfe“ erfunden, um die Chancengleichheit wieder herzustellen.

Alle sind glücklich. Außer  – sie ahnen es vielleicht schon – die Oppositionspartei, die sitzt nämlich nicht an der Quelle, um Wohltaten zu verteilen. Ihre Waffe trifft aber ins Herz:  Sie fordert eine Erhöhung der Hilfe für die Armen. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, werden Demonstrationen organisiert, auf denen die Regierungsparteien  als asozial und herzlos gebrandmarkt werden.

Die Parteien, die am Ruder sind, müssen der Opposition den Wind aus den Segeln nehmen, um die Wahlen nicht zu verlieren, und erhöhen die Hilfe für die Armen. Dabei betonen Vertreter der Regierungspartei, dass man sogar über die Forderungen der Opposition hinausgegangen ist.

So oder ähnlich funktioniert Politik in Hinterweiler. Aber nach ein paar Jahren stellt man fest, dass viel mehr Geld ausgegeben wurde als man eingenommen hat. Der größte Anteil der Steuern wird nun schon von den Zinsen aufgefressen, die man für die vielen aufgelaufenen Schulden bezahlen muss.

Guter Rat ist teuer! Die Hinterweiler Parteien beraten gemeinsam und haben die rettende Idee: Alle Parteien verpflichten sich in 10 Jahren keine Schulden mehr zu machen. Das habe schon einmal den Vorteil, dass die Parteien noch ein bisschen so weiter machen könnten wie bisher. Und damit  niemand die Parteien dafür verantwortlich machen könne, wenn ein Verlangen nach einer neuen Wohltat nicht befriedigt werde, sollte diese Regel in das goldene Stadtbuch eingetragen  und Schuldenbremse genannt werden. So geschah es denn!

 

Ein griechischer und ein estnischer Finanzexperte im Dialog

Auf der letzten EU-Konferenz zum Euro hatten zwei Finanzfachleute aus Griechenland und Estland am Rande der Veranstaltung Gelegenheit zu einem Erfahrungsaustauch.

Das Gespräch soll nach Berichten von Ohrenzeugen in etwa so verlaufen sein.

Der Este: “Die reden wieder ewig heute.“

Der Grieche: „Die sollen einfach überweisen, was überlegen die so lange.“

Der Este: „Warum habt Ihr denn auch so eine Menge Schulden?“

Der Grieche: „Was soll denn diese Frage? Alle in der EU haben eine Menge Schulden.“

Der Este: „Wir nicht. Unsere Schulden betragen nur 6% des Bruttosozialproduktes.“

Der Grieche:  „Ich glaube, ich muss Dir einmal erklären wie es hier läuft. Ihr seid ja erst kurz dabei. Wir haben Schulden von etwa 31.000 EUR pro Kopf. Wenn wir Pleite gehen, ist für alle, die für uns haften, so etwa ein kleiner BMW weg. Das kann Merkel ihren Leuten nicht erklären. Deshalb zahlen die lieber weiter.“

Der Este: „Findest Du das nicht unfair? Wir zum Beispiel haben Firmen aufgebaut wie Skype, damit man umsonst im Internet telefonieren kann.“

Der Grieche:  „Bei uns war vieles auch ohne Skype immer umsonst. Außer wenn wir Genehmigungen bei Behörden brauchen; das war schon immer richtig teuer.“

Der Este:  „Habt ihr denn nie daran gedacht, alles bei Euch zu verändern? Wir hatten vor vier Jahren auch eine große Krise und haben enorm gespart und Steuern erhöht. Unsere Leute haben ein Drittel ihres Einkommens verloren.“

Der Grieche: „Sind denn eure Leute nicht auf die Straße gegangen?

Der Este: „Nein, alle wussten, dass wir etwas verändern müssen. Außerdem, so schlimm war es wieder nicht. Die Russen waren viel schlimmer!“

Der Grieche: „Verstehe ich nicht. So bekommt ihr nie einen, der für Euch bezahlt.“

Der Este: „Wollen wir gar nicht. Warum fangt ihr nicht endlich an, einmal Steuern bei euren eigenen Leuten einzusammeln. Ihr habt doch viele Reiche.“

Der Grieche: „Das ist schwierig. Das Geld ist schon weg. 200 Milliarden sind zum Beispiel in der Schweiz. Wenn wir die 60 Milliarden Steuerschulden eintreiben könnten, sähe die Welt sicher anders aus.“

Der Este: „Das sind Summen. Wir haben gerade einmal 1 Milliarde Schulden insgesamt.“

Der Grieche: “Ich mache Dir einen Vorschlag. Wir tauschen einmal unsere Jobs.“

Der Este: „Nein danke, ich glaube mit so vielen Nullen kann ich nicht rechnen.“

Der Grieche: „Ach, da gewöhnst Du Dich dran: Wenn Du immer eine Null als Chef hast, macht Dir das Schreiben von Nullen bald nichts mehr aus!“