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Triathlon der Demut

Ein Triathlon über die Halbdistanz ist eine herausfordernde  Sache. Für mich heißt das normalerweise: zwei Kilometer im Wasser um das Überleben kämpfen, dann 90 km auf dem Rad genug Essen, um mich anschließend beim Halbmarathon – zum Ende hin immer gequälter- freuen, dass ich es bis zu meiner Lieblingssportart Laufen geschafft habe.

Normalerweise, aber beim Berlin Triathlon XL am Müggelsee ist dieses Mal alles ganz anders. Ein Muskelkrampf aus heiterem Himmel, die Nacht vor dem Ereignis, macht aus meinem gewagten, ein sehr fragliches Vorhaben.

Meine Frau, die mein sportliches Treiben immer verständnisvoll aber auch mit gesunder Distanz beobachtet, stellt am Morgen vor dem Wettkampf die treffende Frage: Sollte der Krampf nicht nach dem Ziel kommen?

Was tun? Zuviel Magnesium birgt immer die Gefahr, das Rennen im Dixi-Klo zu erleben. Also positives Denken! Die Wirkungen auf den Körper sollen ja signifikant sein! Vielleicht stabilisiert sich dadurch auch der Mineralstoff-Haushalt?

Positives Denken ist für mich beim Schwimmen eh notwendig, denn die notwendigen Fähigkeiten für diese Disziplin habe ich sehr spät auf dem zweiten Bildungsweg im Selbststudium erworben. In der Konsequenz heißt das: Der Einsatz und Wille ist da; das Können stark eingeschränkt!

Nach dem Start am frühen Morgen ziehe ich locker meine Bahnen. Fast das komplette Feld der 200 roten Badekappen habe ich – wie geplant – vor mir aufgereiht. Die aufgestellten Bojen zur Orientierung für die führenden Schwimmer benötige ich nicht, denn ich habe genug Schwimmer als Orientierungspunkte. Wie hat schon Johann Cruiff, der berühmte holländische Fussballer, treffend formuliert: „Jeder Nachteil, hat auch einen Vorteil!“2013_00081 tria

Es irritiert mich nur, dass das als Wendepunkt zu umrundende Boot abgetrieben war! Hatten die keinen vernünftigen Anker? Das Boot muss weit mehr als nur einen Kilometer vom Start weg sein! Nun gut, ich bin dann auch endlich auf dem Rückweg und schaue mich um: Bei den vielen Brustschwimmern um mich herum schiebe ich den Gedanken weg, dass man normalerweise schneller krault als Brust schwimmt. Was heißt schon normalweise wenn man mit es mit lauter Champions im Brustschwimmen zu tun hat? Positives Denken – wie schon erwähnt, für mich im Wasser die zentrale Überlebensstrategie.

Doch dann der Schock! Beim Aussteigen aus dem Wasser über eine Treppe wird der linke Oberschenkel hinten zum Brett! Normalerweise ist Laufen vom Wasser zum Umziehen – der vierten Disziplin beim Triathlon – für mich ein euphorisches Ereignis: endlich raus aus der Brühe! Heute kann keine Rede davon sein. Fühle mich eher wie einer, der sich nach einer Wirthausschlägerei als zweiter Sieger nach Haus schleppt.

Ok, auf dem Rad bleibt der Muskel zunächst still; da ist ja auch eher die vordere Muskulatur an den Oberschenkeln gefragt. Und meist habe ich da auch andere Wehwehchen, die ablenken. Die Hände schlafen ein, der Rücken tut weh. Die Steigungen sind zu steil. Und bei den Abfahrten klappern meine Zähne, nicht mein Rad. Aber heute alles im grünen Bereich! Und ich überhole einen Schwimmer nach dem anderen. Das habt ihr nun davon, dass ihr Euch im Wasser so ausgetobt hat! Die Stimmung steigt zunehmend!

Im Ziel stelle ich das Rad schnell ab gehe gut gelaunt auf die Laufstrecke. Der Plan: möglichst schnell das Laufen wieder lernen nach den ersten steifen Minuten, die mir ein drei Stunden Ritt auf diesem unbequemen Gefährt namens Rennrad besorgt hat.

Dann der Schock! Im linken Oberschenkel hinten lauert etwas! Mit höchster Konzentration muss ich die Schrittlänge so anpassen, dass der sich ankündigende Tritt von hinten knapp unter dem Hinterteil nicht erfolgt. Die Frequenz der Schritte zu erhöhen ging schon früher nicht, warum soll es heute gehen?

Also das eigene Rennen laufen mit angezogener Handbremse, selbst wenn andere mit schleppenden Schritten gezeichnet von den Strapazen an mir vorbeiwanken. Einzig an den Verpflegungsstellen mache ich Plätze gut; denn Stehenzubleiben traue ich mich nicht, das wäre wahrscheinlich das endgültige Aus. Und Ankommen möchte ich heute trotz allem. Mit einer zen-artigen Gleichmut. Als mich vor dem Ziel noch eine Gruppe von ca. zehn Leuten überholt, tröstet mich der Gedanke, dass die mir noch soviel Zeit bis zum Ziel abnehmen werden, dass der Erdinger Weissbierstand schon wieder frei sein wird, wenn ich dann endlich ankomme.

Und tatsächlich, nach knapp sechs Stunden bin ich dann auch da. Mit mir durchaus zufrieden, besonders  wegen meiner Gleichmut und Geduld beim Laufen. Denn Geduld gehört normalerweise nicht zu meinen Stärken. Und ich empfinde Demut und Dankbarkeit, dass ich das Glück habe, in meinem Alter von 60 Jahren überhaupt noch so eine Verrücktheit machen zu können.