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Ein Albtraum: Rente mit 18

Neulich hatte ich einen Traum: Ein Dachdenker steigt vom Gerüst. Unten steht Kurt Beck mit Tränen in den Augen. Und Andrea Nahles mit einem Geschenk-Karton. “Rente mit 63″ steht darauf. Endlich darf Kurt Becks Dachdenker runter vom Dach und muss nicht bis 67 in schwindligen Höhen herumturnen. Die Welt ist wieder ein Stück gerechter geworden. Unsere beliebte große Koalition lässt Träume wahr werden und löst Probleme, die gar keine sind. Alle sind glücklich.

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“Viele junge Hartz-IV-Empfänger in Berlin”, Quelle FAZ 2012

Nur die vielleicht nicht, die gar nicht ins Arbeitsleben finden. Rente mit 18 – ein Albtraum. 15% oder jeder sechste Jugendliche bleiben in Deutschland ohne Berufsabschluss. Ungefähr jeder zweite aus dieser Gruppe, stammt aus einer Familie, die ihren Lebensunterhalt mit Hartz4 bestreiten. Ein Drittel davon wird von der Bundesanstalt für Arbeit als „inaktiv“ eingeschätzt, also nicht arbeitssuchend oder in irgendeiner Beschäftigung. Ein ziemlich große große Gruppe, die aussortiert und wenig beachtet ihr Leben am Rande der Gesellschaft mit Sozialtransfers fristet. Nicht nur ohne Teilhabe am Erwerbsleben, sondern auch an anderen gesellschaftlichen Aktivitäten. Natürlich beteiligt sich diese Gruppe auch kaum an Wahlen.

Jetzt könnte man einwenden: Diese Gruppe gab es zu allen Zeiten. Keine Gesellschaft schafft es, Menschen zu 100% in das Erwerbsleben zu integrieren. Das ist richtig! Aber richtig ist auch, dass diese Problemgruppe inzwischen zahlenmäßig stark zunimmt – besonders durch Migranten. Und sich in bestimmten Städten und Bezirken wie in Berlin und Bremen konzentrieren.

Wie der Schulunterricht in so einem Stadtteil aussieht, schildert der Berliner Aushilfslehrer Philip Möller eindrucksvoll: “Isch geh Schulhof“. Die Hoffnungslosigkeit bei Schülern, Eltern und Lehrern, die er schildert, ist bedrückend – bei aller Situationskomik. Doch wie kann dieser Teufelskreis aus Frustration und Demotivation durchbrochen werden? Mehr Geld, für diesen Bereich zu investieren, ist zwar notwendig, aber längst nicht ausreichend. Geld alleine wird dieses Problem nicht lösen!

Zunächst einmal müssen wir – die Gesellschaft und die Politik – dieses Thema als eine der zentralen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte akzeptieren und den Zusammenhang mit dem demographischen Wandel und der zunehmenden Migration verstehen. Und dann bedarf es vieler kleiner Schritte, die auch nicht in einer Wahlperiode ihre Wirkung entfallen können.

Viele sinnvolle Initiativen gibt es jetzt schon: zum Beispiel Jugend in eigener Sache. Ein Projekt, mit dem Lehrern geholfen werden soll, Schüler “beschäftigungsfähiger” zu machen. Sicherlich sehr sinnvoll! Auch wenn an vielen Schulen die Probleme noch elementarer sein werden. Sicher ist aber auch: Die Lehrer werden bisher nicht auf die  Situation, die sie in solchen Problemklassen vorfinden, vorbereitet. Und viel zu wenig dabei unterstützt! Dabei sollte jeder Lehrer eine Auszeichnung bekommen, der es schafft, nur einen Schüler in eine Berufslaufbahn zu bringen, der es sonst nicht geschafft hätte. Denn es besteht die Chance, dass dieses Beispiel anderen Mut gibt, diesen Weg auch schaffen zu können.

Eine andere Initiative, die schon viel erreicht hat, ist Litcam von der Frankfurter Buchmesse und das Projekt Fussball trifft Kultur: 2007 hat Litcam begonnen Jugendlichen – meist Jungen – neben den Schule Lesen und Schreiben beizubringen. Mit Fussballern von Eintracht Frankfurt. Heute hat sich diese Projekt so ausgeweitet, dass viel Bundesligavereine und andere Organisationen sich daran beteiligen. Und die Aktivitäten gehen jetzt über einer reine Alphabetisierungskampagne hinaus.

Sehr gute Ansätze! Aber insgesamt noch viel zu wenig. Vielleicht kommt dieses Thema nach der Rente mit 63 jetzt endlich oben auf die Agenda der Politik. Und ein Politiker wie Herr Seehofer überrascht uns mit folgenden Worten:

“Es darf nicht länger sein, dass eine so große Gruppe von Menschen ohne Berufsabschluss und Perspektive am Rande der Gesellschaft lebt. Dieses Thema ist eines der zentralen Herausforderungen in Deutschland in diesem Jahrhundert. Es geht nicht alleine um soziale Folgekosten, es geht vor allem darum, ob wir uns als solidarische Gesellschaft begreifen und entsprechend handeln.

Wir müssen vor allem Lehrern und Schulleitern helfen! Aber das alleine wird nicht genügen: Wir benötigen ein breites gesellschaftliches Engagement, dass diesen jungen Menschen das Gefühl gibt, dazuzugehören und nicht ausgegrenzt zu sein. Auch wir, die wir in Bayern dieses Problem in vielen Gegenden bisher nicht haben, unterstützen dabei!

Viele von uns haben in den letzten Jahrzehnten einen persönlichen sozialen Aufstieg geschafft.  Ich als Kind aus einer Arbeiterfamilie weiss, wie wichtig Bildung dabei ist. Aber auch die Unterstützung von anderen Menschen in der Familie und im engen Umfeld. Lasst uns diese Erfahrungen nutzen! Gemeinsam können wir viel erreichen!”