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Willy Brandt wählen hieß ein anderes Deutschland wählen

Meine erste Wahlveranstaltung besuchte ich 1972 im Alter von 17 Jahren. Eingeladen hatte die örtliche CDU meiner Heimatstadt am Bodensee. Die hatte im Ort und in der ganzen Gegend eine satte Mehrheit. Für die Sozialdemokraten war meine Heimatregion von Anbeginn an Diaspora. Wer etwas werden oder erreichen wollte, war bei der SPD in der falschen Partei.

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Quelle: Haftgrund.net; Dokumentation zum Wahlkampf der CDU/CSU 1972

Alle wichtigen Leute des Ortes waren auf der CDU-Veranstaltung. Kurz nach Beginn meldete sich ein stadtbekannter christlicher Bürger zu Wort: Dieser Willy Brandt alias Herbert Frahm sei ein Vaterlandsverräter. Mit seiner Ostpolitik würde er Deutschland in den Rücken fallen wie schon früher als norwegischer Soldat den deutschen Truppen.

Der Applaus war dem Redner sicher! Besonders aus der Ecke im Saal, wo die saßen, die man am besten nicht nach ihren Aktivitäten vor 1945 fragte. Alle waren mit sich und der Welt im Reinen. Nur nicht mit dem Mann, der seit 1969 Bundeskanzler war und dem einige im Saal am liebsten die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen hätten. Der war ein Außenseiter und sollte es bleiben.

Mein Entschluss stand fest: Ich wollte für die Wiederwahl Brandts kämpfen. Mich brandtkniet2einsetzen für eine andere Bundesrepublik. Ein Deutschland, das Versöhnung mit den Nachbarn anstrebte. Ein soziales Deutschland, in dem ein aus schwierigen Verhältnissen stammender Emigrant wie Brandt an die Spitze des Staates aufsteigen konnte.

Wir gründeten eine Wählerinitiative “Willy wählen” und führten Wahlkampf fast rund um die Uhr; Schüler, Studenten und Arbeiter. Als dann die Regierungsparteien die Wahlen gewannen, lagen wir uns den Armen. Der Sieg 1969 war kein Zufall gewesen. Brandt konnte Bundeskanzler bleiben. Ein anderes Deutschland war möglich!