Triathlon der Demut

Ein Triathlon über die Halbdistanz ist eine herausfordernde  Sache. Für mich heißt das normalerweise: zwei Kilometer im Wasser um das Überleben kämpfen, dann 90 km auf dem Rad genug Essen, um mich anschließend beim Halbmarathon – zum Ende hin immer gequälter- freuen, dass ich es bis zu meiner Lieblingssportart Laufen geschafft habe.

Normalerweise, aber beim Berlin Triathlon XL am Müggelsee ist dieses Mal alles ganz anders. Ein Muskelkrampf aus heiterem Himmel, die Nacht vor dem Ereignis, macht aus meinem gewagten, ein sehr fragliches Vorhaben.

Meine Frau, die mein sportliches Treiben immer verständnisvoll aber auch mit gesunder Distanz beobachtet, stellt am Morgen vor dem Wettkampf die treffende Frage: Sollte der Krampf nicht nach dem Ziel kommen?

Was tun? Zuviel Magnesium birgt immer die Gefahr, das Rennen im Dixi-Klo zu erleben. Also positives Denken! Die Wirkungen auf den Körper sollen ja signifikant sein! Vielleicht stabilisiert sich dadurch auch der Mineralstoff-Haushalt?

Positives Denken ist für mich beim Schwimmen eh notwendig, denn die notwendigen Fähigkeiten für diese Disziplin habe ich sehr spät auf dem zweiten Bildungsweg im Selbststudium erworben. In der Konsequenz heißt das: Der Einsatz und Wille ist da; das Können stark eingeschränkt!

Nach dem Start am frühen Morgen ziehe ich locker meine Bahnen. Fast das komplette Feld der 200 roten Badekappen habe ich – wie geplant – vor mir aufgereiht. Die aufgestellten Bojen zur Orientierung für die führenden Schwimmer benötige ich nicht, denn ich habe genug Schwimmer als Orientierungspunkte. Wie hat schon Johann Cruiff, der berühmte holländische Fussballer, treffend formuliert: „Jeder Nachteil, hat auch einen Vorteil!“2013_00081 tria

Es irritiert mich nur, dass das als Wendepunkt zu umrundende Boot abgetrieben war! Hatten die keinen vernünftigen Anker? Das Boot muss weit mehr als nur einen Kilometer vom Start weg sein! Nun gut, ich bin dann auch endlich auf dem Rückweg und schaue mich um: Bei den vielen Brustschwimmern um mich herum schiebe ich den Gedanken weg, dass man normalerweise schneller krault als Brust schwimmt. Was heißt schon normalweise wenn man mit es mit lauter Champions im Brustschwimmen zu tun hat? Positives Denken – wie schon erwähnt, für mich im Wasser die zentrale Überlebensstrategie.

Doch dann der Schock! Beim Aussteigen aus dem Wasser über eine Treppe wird der linke Oberschenkel hinten zum Brett! Normalerweise ist Laufen vom Wasser zum Umziehen – der vierten Disziplin beim Triathlon – für mich ein euphorisches Ereignis: endlich raus aus der Brühe! Heute kann keine Rede davon sein. Fühle mich eher wie einer, der sich nach einer Wirthausschlägerei als zweiter Sieger nach Haus schleppt.

Ok, auf dem Rad bleibt der Muskel zunächst still; da ist ja auch eher die vordere Muskulatur an den Oberschenkeln gefragt. Und meist habe ich da auch andere Wehwehchen, die ablenken. Die Hände schlafen ein, der Rücken tut weh. Die Steigungen sind zu steil. Und bei den Abfahrten klappern meine Zähne, nicht mein Rad. Aber heute alles im grünen Bereich! Und ich überhole einen Schwimmer nach dem anderen. Das habt ihr nun davon, dass ihr Euch im Wasser so ausgetobt hat! Die Stimmung steigt zunehmend!

Im Ziel stelle ich das Rad schnell ab gehe gut gelaunt auf die Laufstrecke. Der Plan: möglichst schnell das Laufen wieder lernen nach den ersten steifen Minuten, die mir ein drei Stunden Ritt auf diesem unbequemen Gefährt namens Rennrad besorgt hat.

Dann der Schock! Im linken Oberschenkel hinten lauert etwas! Mit höchster Konzentration muss ich die Schrittlänge so anpassen, dass der sich ankündigende Tritt von hinten knapp unter dem Hinterteil nicht erfolgt. Die Frequenz der Schritte zu erhöhen ging schon früher nicht, warum soll es heute gehen?

Also das eigene Rennen laufen mit angezogener Handbremse, selbst wenn andere mit schleppenden Schritten gezeichnet von den Strapazen an mir vorbeiwanken. Einzig an den Verpflegungsstellen mache ich Plätze gut; denn Stehenzubleiben traue ich mich nicht, das wäre wahrscheinlich das endgültige Aus. Und Ankommen möchte ich heute trotz allem. Mit einer zen-artigen Gleichmut. Als mich vor dem Ziel noch eine Gruppe von ca. zehn Leuten überholt, tröstet mich der Gedanke, dass die mir noch soviel Zeit bis zum Ziel abnehmen werden, dass der Erdinger Weissbierstand schon wieder frei sein wird, wenn ich dann endlich ankomme.

Und tatsächlich, nach knapp sechs Stunden bin ich dann auch da. Mit mir durchaus zufrieden, besonders  wegen meiner Gleichmut und Geduld beim Laufen. Denn Geduld gehört normalerweise nicht zu meinen Stärken. Und ich empfinde Demut und Dankbarkeit, dass ich das Glück habe, in meinem Alter von 60 Jahren überhaupt noch so eine Verrücktheit machen zu können.

 

 

 

 

 

Ein Albtraum: Rente mit 18

Neulich hatte ich einen Traum: Ein Dachdenker steigt vom Gerüst. Unten steht Kurt Beck mit Tränen in den Augen. Und Andrea Nahles mit einem Geschenk-Karton. “Rente mit 63″ steht darauf. Endlich darf Kurt Becks Dachdenker runter vom Dach und muss nicht bis 67 in schwindligen Höhen herumturnen. Die Welt ist wieder ein Stück gerechter geworden. Unsere beliebte große Koalition lässt Träume wahr werden und löst Probleme, die gar keine sind. Alle sind glücklich.

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“Viele junge Hartz-IV-Empfänger in Berlin”, Quelle FAZ 2012

Nur die vielleicht nicht, die gar nicht ins Arbeitsleben finden. Rente mit 18 – ein Albtraum. 15% oder jeder sechste Jugendliche bleiben in Deutschland ohne Berufsabschluss. Ungefähr jeder zweite aus dieser Gruppe, stammt aus einer Familie, die ihren Lebensunterhalt mit Hartz4 bestreiten. Ein Drittel davon wird von der Bundesanstalt für Arbeit als „inaktiv“ eingeschätzt, also nicht arbeitssuchend oder in irgendeiner Beschäftigung. Ein ziemlich große große Gruppe, die aussortiert und wenig beachtet ihr Leben am Rande der Gesellschaft mit Sozialtransfers fristet. Nicht nur ohne Teilhabe am Erwerbsleben, sondern auch an anderen gesellschaftlichen Aktivitäten. Natürlich beteiligt sich diese Gruppe auch kaum an Wahlen.

Jetzt könnte man einwenden: Diese Gruppe gab es zu allen Zeiten. Keine Gesellschaft schafft es, Menschen zu 100% in das Erwerbsleben zu integrieren. Das ist richtig! Aber richtig ist auch, dass diese Problemgruppe inzwischen zahlenmäßig stark zunimmt – besonders durch Migranten. Und sich in bestimmten Städten und Bezirken wie in Berlin und Bremen konzentrieren.

Wie der Schulunterricht in so einem Stadtteil aussieht, schildert der Berliner Aushilfslehrer Philip Möller eindrucksvoll: “Isch geh Schulhof“. Die Hoffnungslosigkeit bei Schülern, Eltern und Lehrern, die er schildert, ist bedrückend – bei aller Situationskomik. Doch wie kann dieser Teufelskreis aus Frustration und Demotivation durchbrochen werden? Mehr Geld, für diesen Bereich zu investieren, ist zwar notwendig, aber längst nicht ausreichend. Geld alleine wird dieses Problem nicht lösen!

Zunächst einmal müssen wir – die Gesellschaft und die Politik – dieses Thema als eine der zentralen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte akzeptieren und den Zusammenhang mit dem demographischen Wandel und der zunehmenden Migration verstehen. Und dann bedarf es vieler kleiner Schritte, die auch nicht in einer Wahlperiode ihre Wirkung entfallen können.

Viele sinnvolle Initiativen gibt es jetzt schon: zum Beispiel Jugend in eigener Sache. Ein Projekt, mit dem Lehrern geholfen werden soll, Schüler “beschäftigungsfähiger” zu machen. Sicherlich sehr sinnvoll! Auch wenn an vielen Schulen die Probleme noch elementarer sein werden. Sicher ist aber auch: Die Lehrer werden bisher nicht auf die  Situation, die sie in solchen Problemklassen vorfinden, vorbereitet. Und viel zu wenig dabei unterstützt! Dabei sollte jeder Lehrer eine Auszeichnung bekommen, der es schafft, nur einen Schüler in eine Berufslaufbahn zu bringen, der es sonst nicht geschafft hätte. Denn es besteht die Chance, dass dieses Beispiel anderen Mut gibt, diesen Weg auch schaffen zu können.

Eine andere Initiative, die schon viel erreicht hat, ist Litcam von der Frankfurter Buchmesse und das Projekt Fussball trifft Kultur: 2007 hat Litcam begonnen Jugendlichen – meist Jungen – neben den Schule Lesen und Schreiben beizubringen. Mit Fussballern von Eintracht Frankfurt. Heute hat sich diese Projekt so ausgeweitet, dass viel Bundesligavereine und andere Organisationen sich daran beteiligen. Und die Aktivitäten gehen jetzt über einer reine Alphabetisierungskampagne hinaus.

Sehr gute Ansätze! Aber insgesamt noch viel zu wenig. Vielleicht kommt dieses Thema nach der Rente mit 63 jetzt endlich oben auf die Agenda der Politik. Und ein Politiker wie Herr Seehofer überrascht uns mit folgenden Worten:

“Es darf nicht länger sein, dass eine so große Gruppe von Menschen ohne Berufsabschluss und Perspektive am Rande der Gesellschaft lebt. Dieses Thema ist eines der zentralen Herausforderungen in Deutschland in diesem Jahrhundert. Es geht nicht alleine um soziale Folgekosten, es geht vor allem darum, ob wir uns als solidarische Gesellschaft begreifen und entsprechend handeln.

Wir müssen vor allem Lehrern und Schulleitern helfen! Aber das alleine wird nicht genügen: Wir benötigen ein breites gesellschaftliches Engagement, dass diesen jungen Menschen das Gefühl gibt, dazuzugehören und nicht ausgegrenzt zu sein. Auch wir, die wir in Bayern dieses Problem in vielen Gegenden bisher nicht haben, unterstützen dabei!

Viele von uns haben in den letzten Jahrzehnten einen persönlichen sozialen Aufstieg geschafft.  Ich als Kind aus einer Arbeiterfamilie weiss, wie wichtig Bildung dabei ist. Aber auch die Unterstützung von anderen Menschen in der Familie und im engen Umfeld. Lasst uns diese Erfahrungen nutzen! Gemeinsam können wir viel erreichen!”

 

 

 

 

 

Triathlon: Drei Dinge braucht der Mann – oder die Frau!

Für den Endorphien-Junkie gibt es nach Stadtmarathon und SwissAlpine Berglauf nur noch eine Steigerung: einen Ironman – in der niedlichen Kleinform als 70.3 –  1,9 km Schwimmen, 90 Kilometer Radfahren und Halbmarathon oder gleich als doppelte Packung – am besten in Hawaii.

Gesagt, getan! Dabei gibt es nur ein Problem! Unser Langstreckenspezialist kann nicht vernünftig Schwimmen! Radfahren geht noch, denn da muss man „nur“ die Beine bewegen und das ist er ja gewöhnt. Aber zwei oder fast vier Kilometer Kraulen und dabei Beine und Arme koordiniert für den Vorwärtsantrieb nutzen, dafür ist er weder seelisch noch körperlich anständig vorbereitet.

Begonnen wird mit dem Training im Freizeitschwimmerbecken. Nach den ersten vergeblichen Versuchen, den brustschwimmenden Frauen im mittleren Alter mit ausreichend tragendem Körperfett im Freistil zu enteilen, kommt langsam die bittere Erkenntnis: nicht nur der Triathlon wird lang, sondern auch der Weg bis zu dem Punkt, an dem dieses wilde Gefuchtel im Wasser Schwimmen genannt werden kann.

Nach Wochen harter Wasserarbeit zeigen sich erste kleine Fortschritte: der Stil ist zwar noch nicht besser geworden, aber die Erschöpfung nach dem Schwimmen nimmt ab. Das Wechseln nach dem Schwimmen auf das Rad müsste also einfacher werden. Wenigstens das!

Und schon naht der erste Wettkampf: 70,3 -  wohlgemerkt Meilen. Als unser mutiger Schwimmnovize morgens um 7 Uhr mit den Cracks in seiner geliehenen Neoprenpelle im Wasser steht, kommen ihm ernste Zweifel: Werde ich ankommen? Oh Gott, gibt es ein Rettungsboot?

Doch dann geht es schon los. Wildes Schlagen und Rudern! Und immer wieder der Gedanke: Wann bin ich endlich da. Unendlich scheint der Weg. Doch alles hat einmal ein Ende: sogar das Schwimmen eines Langstreckenläufers. Er kommt an und ist nur noch überglücklich, der nassen Pfütze entronnen zu sein und nun entspannt auf dem Rad zu sitzen.

Im Ziel hat er dann den fürchterlichen Beginn vergessen.  Bald steht er wieder am Sonntagmorgen um 7 Uhr in einer kalten Brühe und denkt sich wieder: Warum tue ich mir das nur an?

Ja, auf diese Frage gibt es wohl keine vernünftige Antwort.

Füchse im Hühnerstall – Amitz Dulnikker ist überall

Ephraim Kishon hat ihn beschrieben: Den Politiker, der alles regeln muss, immer auf der Suche danach, seinen Anhängern etwas Gutes zu tun und die Welt in seinem Sinne gerechter zu machen. Doch dieser Politiker Amitz Dulnikker bricht mitten in einer Rede zusammen. Er braucht dringend Ruhe und Erholung. Diese hofft er in dem weit abgelegenen Dorf Kimmelquell zu finden. Zusammen mit seinem Sekretär Ze’ev bringt er aber sehr schnell die dörfliche Ordnung und Ruhe durcheinander, indem er versucht in dem Dorf ein demokratisches Modellsystem einzuführen. Er spaltet das Dorf in zwei Lager und bringt sogar den Schuster dazu, sich selbst zu bestreiken.

Politiker wie Amitz Dulnikker findet man auch heute überall. Es gibt sie in allen Parteien, in allen Parlamenten und auf allen Ebenen. Sie sorgen bei allen Gesetzen und Regulierungen dafür, dass ihre Handschrift sichtbar wird.

Einfachheit und Transparenz sind ihnen fremd. Sie lieben Ausnahmen in Bestimmungen, besonders wenn sie wählerwirksam verkauft werden können.  Dabei geht es ihnen in Wirklichkeit nicht um Gerechtigkeit. Es geht ihnen darum, nicht festgelegt werden zu können. Für jeden noch so seltenen Einzelfall ein Argument zu haben.

Diese modernen Amitz Dulnikkers sind lebende “Sowohl als Auchs”. Da sie niemand weh zu tun scheinen, sind sie beliebt. Diese Beliebtheit zu erhalten, ist ihr Hauptziel. In ihrem Wahlkreis fehlen sie bei keiner  Einweihung einer neuen Feuerwehrspritze und bei keiner Geburtstagsfeier einer lokalen Größe.

Aber sie setzen sich auch ein, zum Beispiel für das Sparen. Allerdings mehr im Allgemeinen. Geht es um Zuwendungen für eine Gruppe, die sie für ihre potentiellen Wähler halten, kämpfen sie wie ein Löwen und lassen sich für jede noch so abstruse Subvention feiern.

Wenn ich mir für das neue Jahr etwas wünschen darf: Schicken wir diese Dulnikkers nach Kimmelquell. Gönnen wir ihnen ein Jahr eine Pause. Und ich bin mir sicher: Keinem geht  es auf lange Sicht schlechter.

Willy Brandt wählen hieß ein anderes Deutschland wählen

Meine erste Wahlveranstaltung besuchte ich 1972 im Alter von 17 Jahren. Eingeladen hatte die örtliche CDU meiner Heimatstadt am Bodensee. Die hatte im Ort und in der ganzen Gegend eine satte Mehrheit. Für die Sozialdemokraten war meine Heimatregion von Anbeginn an Diaspora. Wer etwas werden oder erreichen wollte, war bei der SPD in der falschen Partei.

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Quelle: Haftgrund.net; Dokumentation zum Wahlkampf der CDU/CSU 1972

Alle wichtigen Leute des Ortes waren auf der CDU-Veranstaltung. Kurz nach Beginn meldete sich ein stadtbekannter christlicher Bürger zu Wort: Dieser Willy Brandt alias Herbert Frahm sei ein Vaterlandsverräter. Mit seiner Ostpolitik würde er Deutschland in den Rücken fallen wie schon früher als norwegischer Soldat den deutschen Truppen.

Der Applaus war dem Redner sicher! Besonders aus der Ecke im Saal, wo die saßen, die man am besten nicht nach ihren Aktivitäten vor 1945 fragte. Alle waren mit sich und der Welt im Reinen. Nur nicht mit dem Mann, der seit 1969 Bundeskanzler war und dem einige im Saal am liebsten die deutsche Staatsangehörigkeit entzogen hätten. Der war ein Außenseiter und sollte es bleiben.

Mein Entschluss stand fest: Ich wollte für die Wiederwahl Brandts kämpfen. Mich brandtkniet2einsetzen für eine andere Bundesrepublik. Ein Deutschland, das Versöhnung mit den Nachbarn anstrebte. Ein soziales Deutschland, in dem ein aus schwierigen Verhältnissen stammender Emigrant wie Brandt an die Spitze des Staates aufsteigen konnte.

Wir gründeten eine Wählerinitiative “Willy wählen” und führten Wahlkampf fast rund um die Uhr; Schüler, Studenten und Arbeiter. Als dann die Regierungsparteien die Wahlen gewannen, lagen wir uns den Armen. Der Sieg 1969 war kein Zufall gewesen. Brandt konnte Bundeskanzler bleiben. Ein anderes Deutschland war möglich!

 

Abschalten ist auch keine Lösung!

Roland Reuss lehrt an der Heidelberger Universität. Zuletzt hat er sich in der FAZ vom 12.11.13 mit dem Thema der Weitergabe und Auswertung von Leserdaten beschäftigt: Was als Service daherkomme, sei in Wirklichkeit eine Torheit, schreibt er aus der Perspektive eines Verantwortlichen für eine Universitätsbibliothek.

Er beklagt den Trend, alle möglichen Daten der Leser zu sammeln, um diesen das Suchen und Arbeiten vermeintlich leichter zu machen. Wenn dabei noch die Software amerikanischer IT-Unternehmen wie Google oder Amazon genutzt oder mit diesen IT-Giganten sogar kooperiert werde, ist der Untergang des Abendlandes nahe: Der massenhaften Ausspähung von Daten durch Regierungskreise sei Tür und Tor geöffnet. Wie beim Bau von Kernkraftwerken haben man die „Folgekosten“ dieser Entwicklung nicht berücksichtigt.

Auch wenn man viele Entwicklungen, die Reuss beklagt, nicht positiv findet, greifen seine Analyse und auch seine Schlussfolgerungen viel zu kurz: Auch deutsche Internet-Nutzer entscheiden sich in ihrer großen Mehrheit für Services, bei denen sie eine Fülle persönlicher Daten preisgeben, ohne über die Folgen nachzudenken. Wie konnte es soweit kommen? Auch dazu, dass es in vielen Fällen gar keine echte Alternative dazu gibt?

Wenn Herr Reuss beklagt, was aus den Bollwerken der europäischen Bildung geworden geworden sei, könnte man ihm die Frage stellen: Warum haben denn deutsche und europäische Universitäten keine IT-Lösungen entwickelt, die gleichzeitig einen guten Service bieten und unseren Datenschutzanforderungen genügen?

Als Antwort würde bestimmt kommen: Wir haben gar nicht das Geld! Vielleicht liegt es aber weniger an den finanziellen Mitteln als an den Prioritäten? In Gesprächen mit Vertretern deutscher DatenschutzOrganisationen und Unternehmen habe ich oft gehört: Wir wollen im IT-Bereich gar nicht voran gehen, sondern eher auf fahrende Züge aufspringen. Mit dieser Geisteshaltung ist es dann schwer, bei der Fahrtrichtung mitzureden. Und ich glaube, dass wir in Deutschland und Europa sehr vernünftige Argumente einbringen können, wenn es um den Schutz der Privatsphäre und den Erhalt demokratischer Grundrechte. Man muss aber mitmachen und gestalten, denn Abschalten ist bestimmt keine Lösung!

Allein fahrende Taschen in der Regionalbahn

In den Regionalbahnen – weniger in den S-Bahnen – fällt mir zunehmend ein Phänomen auf: Allein fahrende Taschen, die auf einem Sitz lagern, aber niemand zu gehören scheinen. Trotz eines vollen Zuges und obwohl sie augenscheinlich keinen Fahrschein besitzen, belegen diese Taschen Sitzplätze. Der sitzende Mensch daneben, scheint mit dem Bündel neben sich, nichts zu tun zu haben. Darauf angesprochen, schaut sie oder er erst weg und räumt den Nebensitz dann widerwillig, nicht ohne missbilligend und schlecht gelaunt in das Weite des Zugabteils zu starren.

Quelle Keystone

Es gibt Zeitgenossen, die haben diese Art des Egotrips und der persönlichen Abschottung weiter perfektioniert: Sie sitzen am Gang, platzieren die Tasche am Fenster und verriegeln dann den Zugang mit lang ausgestreckten Beinen. Sie haben dicke Kopfhörer übergestülpt und halten die Augen geschlossen, um jedem klar zu machen, dass sie nicht angesprochen werden wollen, schon gar nicht auf die Tasche. Wer es trotzdem wagt, in diese feindselige Festung einzudringen und diesen Menschen fragt, ob der Sitzplatz daneben frei sei, erntet empörte Blicke.

Die Beine werden dann zunächst so langsam eingefahren wie der Ausleger eines überdimensionalen Baukrans. Der Kopfhörer bleibt auf und wird gegen Abrutschen gesichert. Langsam in Zeitlupe wird die wahrscheinlich tonnenschwere Tasche vom Sitz entfernt und zwischen die Beine geklemmt. Nicht ohne darauf zu achten, dass die Tasche so platziert ist, dass das Erreichen des nun freien Sitzplatzes akrobatisches Geschick erfordert. Strafe muss sein!

Anleitung für Marathon-Zuschauer

Am Sonntag ist es wieder soweit: 50.000 Marathonis werden sich mit schmerzverzerrten Gesichtern durch die Straßen Berlins quälen.

Als bekennender Endorphin-Junkie versuche ich hier eine Kategorisierung meiner männlichen Kollegen. Läuferinnen ticken meist anders.

Die „zweiten Bildungsweg-Läufer“

Er  hat nicht einmal in der Tischtennis-Kreisklasse sportliche Erfolge vorzuweisen; dann mit ca. 35 Jahren beginnt die Laufkarriere.

Nach relativ kurzer Trainingszeit bekommt die Figur neue, nicht gekannte Formen. Die Anzahl der durch “Läuferlatein” genervten Freunde steigt ständig; ebenso die Länge der Laufstrecken. Der erste Marathonlauf ist ein Großereignis wie Examen, Heirat oder Geburt eines Kindes. Nach dem Lauf ist vor dem Lauf.

Und dann der erste jähe Absturz: Eine Sehne oder ein Knie zwickt aus dem Nichts. Ignorieren hilft genauso wenig wie diverse Arztbesuche bei mühsam recherchierten Spezialisten. Der nächste Laufevent – dieses Mal schon in fernen Ländern gebucht – ist ernsthaft gefährdet.

Jetzt kommt der „zweite Bildungsweg-Läufer“ in die entscheidende Phase der noch jungen Laufkarriere: Ausgiebig das Gesundheitssystem nutzen oder vernünftiger weiter machen?

Was hilft? Beim nächsten Lauf wird ein langsamerer Laufpartner – besser noch eine Laufpartnerin –  begleitet. Angestrebtes Gefühl: die Füße schlafen ein. Zur Beruhigung sollte dieser ehrgeizige Läufer vorher sich mit einer Dosis Baldrian „dopen“.

Die JoJo-Läufer

Die ersten wärmenden Sonnenstrahlen im Frühjahr treiben den JoJo-Läufer in die Natur, einen Marathonlauf nach den Sommerferien im Visier.

Im Trainingstagebuch fehlt die Kategorie „Gewicht“ nicht. Und tatsächlich, es tut sich etwas.

Abends erkennt man diesen Typus Läufer an Salat und Wasser. Die Freunde berichten verwundert von nicht lange zurückliegenden abendlichen Ausschweifungen.

Die Phase der Kasteiung hält allerdings nur bis ca. 10 Minuten nach dem großen Ereignis Marathon. Die sportlichen Aktivitäten der nächsten Monate sind dann mehr theoretischer Natur: sie beschränken sich auf Schilderungen vergangener Glanztaten, die besonders beeindrucken, da die äußere Erscheinung – speziell nach Weihnachten – in auffallendem Gegensatz zum Erzählten steht.

Bis dann wieder der nächste April naht.

Die Everest-Typen

Die Everest-Typen suchen ihren ersten Berg in Berlin, Hamburg, Köln oder New-York. Wenn diese ersten 42 Kilometer bezwungen sind, können nur noch neue, weit größere Herausforderungen locken.

Coast to Coast in Südafrika oder vielleicht auch ein Marathon in den Alpen oder die 100 Kilometer von Biel. Beliebt sind auch Ausflüge in den Himalaya.

Inzwischen sind Marathonläufe für diese Läufergattung so etwas wie für Reinhold Messner Spaziergänge in seiner Südtiroler Heimat; natürlich in Messners besten Zeiten.

Die Fähigkeit, den eigenen Körper maßlos zu schinden, adelt diese Läufer und hebt sie aus dem einfachen Fußvolk der plebejischen Läufermasse hervor. Diese Attitüde wird mit zunehmendem Lebensalter durch härteres Training verbunden mit ausgiebigen Arztbesuchen erkämpft.

Die Konvertierten

Diese Gruppe hebt sich durch eine Besonderheit ab: hinter ihnen liegt meist eine Vergangenheit geprägt durch exzessiven Nikotingenuss, Leibgerichte, mit denen der Verdauungsapparat überdurchschnittlich lange beschäftigt ist, und obendrauf viel Stress im Beruf.

Doch plötzlich die radikale Wende: Frühere oft besuchte Kneipen werden nun plötzlich erbarmungslos geächtet. Lektüre über gesunde Lebensweise bieten den Fundus, um die genervte Umgebung mit dogmatischen Vorträgen über gesunde Lebensweise zu beglücken.

Der erste Marathon wird vorbereitet wie eine Apollo-Mission: nichts dem Zufall überlassen, sogar das Anziehen der Socken wird trainiert.

Wenn ein Läufer aus dieser Gruppe bei einem Stadtmarathon im Ruhrgebiet einen rauchenden Zeitgenossen Meter weit hinter der Absperrung ausmacht, ruft er nach einem Beatmungsgerät.

Erste Schwächen des eigenen Körpers werden zunächst ignoriert, dann mit absolutem Unverständnis und später mit innerer Wut aufgenommen: „Das kann doch nicht das Ergebnis sein!“

Manche kurzzeitigen Marathon-Kämpen werden in der Folge als zweifach Konvertierte wieder an alten abendlichen Wirkungsstätten in eine Rauchwolke gehüllt entdeckt. Doch nie mehr auf Laufstrecken!

Also dann, bis zum nächsten Marathon!

Die deutsche Rentenversicherung – kinderleicht erklärt!

Da ich nicht riskieren möchte, dass meine Tochter politikverdrossen wird, habe ich mir vorgenommen, ihr verschiedene politische Themen einfach zu erklären.

Begonnen habe ich mit der Rentenversicherung. Um es vorweg zu nehmen: kein leichtes Unterfangen.

Tochter: Bezahlen wir denn in die Rentenversicherung ein, wie in eine Lebensversicherung?

Ich: Nicht so ganz. Die Rentenversicherung ist eigentlich keine Versicherung. Die Arbeitenden geben einen bestimmten Prozentsatz – im Augenblick ca. 20%  - für die Rentner ab. Das nennt man Umlageverfahren.

Tochter: Aha. Das heißt. Die Jungen zahlen für die Alten. Zurückgelegt wird nichts.

Ich: Genau!

Tochter: Ich habe gelesen, dass es immer mehr Alte und immer weniger Junge gibt. Funktioniert das Ganze dann auch noch, wenn ich einmal in Rente gehe?

Ich: Das Geld für die Rente wird immer knapper. Aber die Politiker haben darauf reagiert.

Tochter: Meinst Du die Rente mit 67?

Ich:  Ja, aber nicht nur. Es gibt nämlich auch einen Zuschuss aus dem Bundeshaushalt zu den Renten. Für den Bundeshaushalt werden Steuern verwendet: ca. 300 Mrd im Jahr im Augenblick. Ungefähr 80 Mrd davon gehen als Zuschuss in die Rentenkasse.

Tochter: Das ist aber eine ganze Menge!

Ich: Ja, ungefähr jeder vierte Euro für die Rente kommt aus dem Bundeshaushalt. Zum Beispiel wird ein Teil der Öko-Steuer auf Benzin für die Rentenkasse verwendet.

Tochter: Heißt das, wenn ich mit Eurem Auto durch die Gegend fahre, finanziere ich die Rentner mit?

Ich: So ungefähr!

Tochter: Ich habe zwei Fragen: Warum ist alles so kompliziert und warum hat man nicht einfach Geld für die Rentner angespart?

Ich: Tja, zum einen hat ein früherer Bundeskanzler gemeint, Ansparen sei nicht nötig, da es immer genug Kinder gäbe. Heute weiß man, dass das nicht stimmt.

Zum anderen weiß glaube ich heute keiner mehr, warum das alles so kompliziert geworden ist. Vielleicht liegt es an politischen Kompromissen.

Tochter: Wie das?

Ich:  Politiker müssen immer Kompromisse schließen, wenn verschiedene Parteien gemeinsam reagieren. Wenn der eine einen Hubschrauber will und der andere ein Flugzeug, werden manchmal an das Flugzeug Rotoren montiert.

Tochter: Das fliegt doch gar nicht mehr!

Ich: Das ist oft das Problem mit politischen Kompromissen. In der Praxis sind sie oft so kompliziert, dass sie nicht richtig funktionieren und sie keiner mehr versteht.

Quo Vadis SPD?

Als der Münchner Oberbürgermeister und Spitzenkandidat der SPD in Bayern Christian Ude gefragt wurde, wie er sich die guten Umfrageergebnisse des amtierenden Ministerpräsidenten Seehofer erklären würde, antwortete er unter anderem: Die CSU würde davon profitieren, dass sie viele Positionen der SPD übernommen habe.

So ein Pech! Politische Ideen lassen sich “leider” nicht schützen oder patentieren. Das hat die SPD schon schmerzlich feststellen müssen, als die Bundeskanzlerin der Sozialdemokratie Wähler der Mitte abnahm, indem sie sich in Gestalt der Familienministerin von der Leyen dem sozialdemokratischen Familienbild annäherte.

Was bleibt für die SPD? Das ewig junge Thema „Gerechtigkeit“! Um das glaubwürdig zu verkörpern, hat man sich einen Kanzlerkandidaten gesucht, der die von der sozialdemokratischen Seele als ungerecht empfundene Agenda 2010 wieder korrigieren darf, nachdem er sie zuvor maßgeblich mit aus der Taufe gehoben hat.

aus dem Tagesspiegel 19.11.2011 Bild DPA

aus dem Tagesspiegel 19.11.2011 Bild DPA

Auch wenn man nicht bestreitet, dass im Niedriglohnbereich und bei anderen Fehlentwicklungen Korrekturen sein müssen, stellt sich trotzdem dem unbedarften Wähler die Frage: Muss ich deshalb der SPD meine Stimme geben und Herr Steinbrück zum Bundeskanzler machen? Gefühlt ist das in etwa so, wie wenn in einem Unternehmen der Betriebsrat zum Vorstand gemacht wird. Die Betriebsrat sorgt bestimmt für Gerechtigkeit, aber kann er den Laden auch führen?

Der treue SPD-Wähler steckt nun in dem gleichen Dilemma wie Stefan Raab: Für etwas mehr Gerechtigkeit kann ich auf dem Beifahrersitz als kleinerer Partner einer großen Koalition sorgen. Aber dafür steht Herr Steinbrück nicht zur Verfügung! Selten hat die SPD und ihr Kandidat eine Wahlkampagne geführt, bei der so wenig zusammenpasste.

Dabei gäbe es Chancen, die sich daraus ergeben, dass die Bundeskanzlerin und die derzeitige Regierung die aktuell großen Herausforderungen wie z.B. die Finanzkrise oder die Energiewende im besten Fall leidlich “managed”, meist aber nur verwaltet. Die Frage bleibt offen: Wo soll dieses Land in Zukunft hinsteuern? Das Thema “Gerechtigkeit herstellen” ist dabei sicher eine wichtige, aber halt nur eine Facette. Besonders wenn diese “Gerechtigkeit” in vielen Teilen der SPD als Verteilungsgerechtigkeit und nicht als Chancengerechtigkeit verstanden wird.