Das Orakel von Tsipras

Keiner weiss so richtig, über was heute in Griechenland abgestimmt wird: Über ein Angebot für ein nicht mehr gültiges Hilfspaket der EU? Über den EURO? Über die bisherige Regierung?

Die Europäer sind verwundert, dabei hilft ein Blick in die Geschichte. Es gibt eine lange Tradition, unklarer und auslegbarer Vorgaben für Entscheidungen in Griechenland: das Orakel von Delphi

Im Altertum pilgerten die Menschen sus allen Gegenden Griechenlands und der damals bekannten Welt nach Delphi zum Tempel Apollons, um vor wichtigen und schwierigen Entscheidungen (Krieg, Heirat, Geschäfte) Gott um Rat zu fragen.

Am Eingang des Tempels stand: Erkenne Dich selbst und Nichts im Übermaß! Die Antwort des Gottes – das Orakel – verkündete die Priesterin Pythia.  Die Orakelsprüche enthielten keine eindeutige Anweisungen, sondern waren doppelsinnig, so dass man den Spruch selbst deuten musste. Die Pythia geriet durch das Einatmen von berauschenden Düften und das Kauen von Lorbeerblättern in einen Trancezustand. Die Antwort der Pythia wurde von Priestern immer in einen Zweiteiler gefasst. (Quelle: http://www.welt-geschichte.de/html/das_leben_in_athen.html)

Die Aussagen von Varoufakis erinnern seit Monaten an stark Pythia. Beispiel: “Wenn die Gläubiger unsere Erniedrigung wollen, dann werden sie die Auflösung Europas ertragen müssen.” Keine Ahnung, ob Varoufakis sich an Pythia orientiert oder sogar die gleichen Hilfsmittel einsetzt, wenn er solche Sätze formuliert.

Ein bekanntes historisches Beispiel betrifft Krösus, den König der Lyder, der bei Pythia anfragen liess, ob er die Perser angreifen solle, die sein Reich am Fluss Halys bedrohten. Die Antwort des Orakels lautete: “Wenn du den Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören…”.

Krösus griff die Perser an und dadurch wurde sein eigenes Reich durch die Perser zerstört.

Im Interesse der griechischen Bevölkerung; Hoffentlich führt Tspiras und die Syriza Griechenland nicht in den Untergang wie damals Krösus.

Departements-Wahlen

Es ist ja bereits viel in Deutschland geschrieben worden über diese Wahlen in Frankreich, die, und das ist wenig thematisiert worden, unter geradezu kuriosen Vorzeichen stattgefunden haben. Das Wichtigste in Kürze:

  • Diese Departements-Versammlungen (vormals Conseils Généraux) sollten bis vor kurzem komplett abgeschafft werden. Final ist noch nichts beschlossen.
  • Die Zuständigkeiten dieser neu gebildeten Versammlungen stehen noch nicht fest. Es muss im Rahmen des Dezentralisierungsgesetzes festgelegt werden. Davon sind erst die „Metropolen- und Regionen-Abschnitte“ verhandelt worden. Der Rest des Territoriums muss noch hinsichtlich der Kompetenzen zwischen Departements, falls diese überleben, Verbandsgemeinden und Gemeinden geregelt werden.
  • Die „Kantone“ (Untergliederung des Departements) wurden neu zugeschnitten, um kritische Masse zu erreichen. Kandidieren durften nur „Binômes, Paare“, Männlein/Weiblein um Parität zu erreichen. Man hat also die Anzahl der Kantone halbiert und neu zugeschnitten, die Zahl der gewählten pro Kanton –jedoch verdoppelt. Gewählt wurde nach dem Mehrheitswahlrecht-Grundsatz in zwei Wahlgängen. Dadurch konnten sich innerhalb einer Woche durch die Wirkung expliziter oder impliziter Allianzen die Kräfteverhältnisse verschieben. Die Linke ging, wie üblich, in ganzer Diversitätsbreite in die Wahl (grob: Kommunisten, Grüne, Sozialisten, Radikale und „Freischwebende“). Dadurch wurde in einigen Kantonen der 2. Wahlgang ohne Linke veranstaltet, da niemand aus dieser Diversitätsbreite das Quorum für den 2. Wahlgang erreichte: in der Summe zahlreich, aber jeder für sich unerheblich.

Im Vorfeld war wieder massiv geunkt worden, es würde zu einem Erdrutschsieg der FN kommen. Valls, der Premier, ist auf diesen fahrenden Zug aufgesprungen und hat Wahlkampf auf nationaler Ebene mit 86746679diesem Argument geführt. Im Übrigen aber versichert, der Reformkurs würde vorgesetzt. Das hatte für ihn den Vorteil links mobilisieren zu können ohne eine linke Politik vertreten zu müssen. Für den linken Minderheitenflügel in der Partei ein nicht hinnehmbarer Zustand, den sie nach der Wahl erbittert thematisiert hat. Ungebrochen ist deren Willen, Valls zum Sturz zu bringen und zu guter alter Politik à la Aubry und Montebourg zurück zu kehren.

Die vallsche Taktik ist in Maßen mit regionalen Schwankungen aufgegangen: Die Regierungspartei hat verloren, allerdings nicht so stark wie befürchtet. Die Nationalfrontisten haben Zuwächse, erhebliche, aber bei Weitem das erhoffte Ziel verfehlt. Die Konservativen und das liberale Zentrum haben sehr stark zugelegt, die Mehrzahl der Kantone erobert und stellen damit die Mehrzahl der Departement-Verwaltungen; Dies ist strategisch wichtig, denn die Departements haben Geld und, durch ihre Tagespolitik, Schulen, Infrastrukturen, Soziales große Bürgernähe: man kennt zwar nicht unbedingt die Abgeordneten, aber deren Politik ist in den Auswirkungen täglich sichtbar.

Ich gehe davon aus, dass die Zentralpolitik immer mehr in die Metropolen, Regionen und Verbandsgemeinden verlagern und am Versuch weiter arbeiten wird, die Departements finanziell auszutrocknen, mit dem Sozialen als Restkompetenz. Das will ohnehin niemand.

Erwähnt sei hier, dass der Südwesten (grob gesagt, von Montpellier bis Bordeaux via Toulouse) weiterhin rosarot in der Fläche ist. Die Bastionen haben gehalten, und mancher Verlust bei der Kommunalwahl konnte wieder wettgemacht werden. Allerdings, allerdings, wurde dafür ein sehr hoher Preis bezahlt: der Wettbewerb findet hier quasi unter Ausschluss der Konservativen und des Zentrums statt, die von den Nationalfrontisten häufig überrundet wurden, sodass deren Zuwächse erschreckende Ausmaße annehmen konnten. In unserem Ort z.B., Léguevin, wo der Sockel der FN sich immer bei etwa 500 Stimmen befand, stieg die Stimmenzahl im ersten Wahlgang auf 750 und beim 2. auf knapp 1000.

Die Stimmenverteilung im Departement (Haute-Garonne) im 2. Wahlgang 2/3 und 1/3 (Sozialisten versus Rechte und Rechtsextreme) täuscht nur schlecht über ein tiefergehendes nicht weg zu debattierendes Problem hinweg: bei einer Beteiligung von etwa 50% hat die Demokratie-Zustimmung weiter massiv abgenommen und Wähler zögern nunmehr in der Mehrheit zwischen Boykott und faschistoid-autoritärem Gedankengut.

Um es sexistisch zu formulieren: die Gefahr, dass die dumme Blonde 2017 mit ihrer dreisten Jünglingsbande und dem dirty old man das Rennen zum Elysee-Palast macht, hat zugenommen. Die Demokratie nimmt weiterhin täglich schweren Schaden.

Valls im Charlie-Momentum

Hier in diesem Blog, und auch außerhalb, hat sich sicher herum gesprochen, dass ich einiges vom politischen Potential des Manuel Valls (schon lange) halte und erwarte.

Sein Amtsantritt im letzten Jahr sah zunächst rhetorisch gut aus, an Aktion hatte er allerdings nur ein wenig Aufräumen auf der Regierungsbank (endlich!) anzubieten. Seitdem wurden Maßnahmen im wirtschaftlichen Bereich angekündigt, die erheblich von der „sozialistischen Doxa“ abwichen, wenn sie auch in ihrer valls_an_960Wirkung von nur von begrenzter Bedeutung gewesen wären. Desto lauter schrien sie, die „sozialistischen“ Verteidiger/innen des heiligen Sonntags, z.B. alle hinter Aubry, die keine Gelegenheit verpasst hat, diese Regierung in Bedrängnis bringen zu wollen.

Und nun Charlie.

Vor einer Woche mutmaßte ich bereits über „den Gummistiefel-Effekt“ der Attentate: Heute sind sie messbar, Hollande steigt auf 40% (+21%) und Valls auf eine Zustimmungsquote von 61%. Charlie-Redakteure werden ihre Trauer und ihre Sarkasmen herunterschlucken und schnell zu alter Form auflaufen müssen, denn die bösen Sozialliberalen sind gerade dabei, eine Dynamik zu erzeugen, die durchaus geeignet erscheint, diese bis zu den nächsten Wahlen zu tragen – und vorher hoffentlich noch manches inhaltlich anzupacken.

Was ist die Ursache?

Hollande und Valls haben instinktsicher und machtpolitisch eiskalt reagiert – auch wenn ich ihnen persönliche Betroffenheit nicht absprechen will -, aber vielleicht war dies die „potion magique“ des Astérix, die zu unglaublichen Kräften verhilft. Die Zutaten:

  • Betroffenheit, Nähe zu den Opfern, die richtigen persönlichen Worte finden, und Zeit und Ort dieser Handlungen professionell koordinieren (gilt insbesondere für Hollande, der ein wunderbares Dementi an die Liebhaber der kleingeistigen Trierweiler entgegenzusetzen vermochte)
  • Die Parlamentstribüne als Plattform für eine berauschende Rede. Valls beherrschte die Klaviatur des Pathos mit einer Perfektion, die vor ihm wahrscheinlich nur Clemenceau aufzubringen wusste. Seine Zutaten: Mitgefühl, Patriotismus, Ankündigung von Maßnahmen, Bekenntnis zu einer multikulturellen Nation auf der Grundlage von etc…, besonders gelungen die Passage über die „3 Farben der Polizei-Opfer“ und die Trikolore; auch eine abgebrühte Seele wie ich stößt da an ihre Larmoyanz-Grenzen. Und dann, nach einer halben Stunde etwa, die sehr deutlichen Worte gegen den Antisemitismus, der sich in vielen cités breitgemacht hat: „Frankreich ohne Juden ist nicht mehr Frankreich“; dann seine Worte an die Moslems gerichtet, dass sie natürlich nicht in einen Topf mit den Attentätern geworfen werden und sie zur laizistischen Gesellschaft gehören, wie andere Gemeinschaften auch. Stehender Applaus auf allen, ja allen, Bänken.

Seitdem ist die Regierungsmaschinerie ins Rollen gekommen. Millionen werden in Sicherheits- und Überwachungsstrategien gesteckt (700 Mio.) und Hollande kündigt erneut an, Bildung zu seinem Schwerpunkt zu machen – da nicht nur mir, sondern auch ihm klar geworden ist, dass hier etwas schief läuft angesichts der Zahlen, an die ich im letzten Blog erinnert habe. (In seinem Wahlkampf habe ich immer wieder bemängelt, dass die Ziele, die er umzusetzen verspricht, der Aufgabe nicht angemessen sind: Halbierung der Schulabbruchquote ohne Diplom in 5 Jahren; es versteht sich von selbst, dass diese Versprechungen ohnehin im sandigen Getriebe der Bürokratie verschwunden sind).

Valls, nie um eine rhetorische Übertreibung verlegen, verglich einige der cités mit Zonen der „Apartheid“ – Philologen und Juristen haben gleich darauf hingewiesen, dass der Begriff „ségregation“ zu lauten hat. Sie merken nicht, dass Valls hier von Leuten beraten wird, die entschlossen sind, eine „disruptive“ Marketing-Strategie zu fahren (à la Benetton), um durch schockierende Verzerrungen Bewusstseinsentwicklungen zugunsten des „Markenwerts“ in Gang zu setzen, die seine Sache voran bringen, und die heißt „aufräumen, wieder aufräumen und weiter aufräumen“

Ist das schon die Strategie, die ich eingefordert habe? Sicherlich nicht, aber immerhin gibt es jetzt ein paar Schritte in die richtige Richtung der gesellschaftlichen Umwälzung, um hier nicht das üble Wort einer „sozialdemokratischen Revolution“ anzuwenden.

Der Nörgler in mir lässt Folgendes verlauten:

  • Bei den Sicherheitsmaßnahmen werden sich auch liberal-demokratisch gesinnte Geister mit Abscheu abwenden – von den Charlie-Anarchos ganz zu schweigen. Ob dieses gegen Terrorismus wirksam ist, vermag ich nicht zu beurteilen – vielleicht hilft es ja, auch wenn, wie Valls immer wieder betont, „es kein zero-risk“ gibt.
  • Die Schulen: was Hollande verlauten lässt, deutet auf eine kulturelle Rückbesinnung hin: also Ethik, Ordnung, Disziplin…Ob da der Offizierssohn doch noch durchschimmert? Was fehlt, ist eine Konzeption, ja eine Strategie zur Bekämpfung der inhaltlich-kulturellen Abwesenheit einer Vielzahl von Schülern. Diese wieder an Bord zu nehmen, wird durch eine Makarenko-Pädagogik alleine nicht gelingen. Es braucht also auch eine empathiefähige Pädagogik, die durchaus „fordernde“ Aspekte nicht vernachlässigt. Dass französische Lehrer auf so etwas nicht vorbereitet sind nach dem bürgerlichen Kahlschlag der Jahre Chirac & Sarkozy, braucht nicht betont zu werden. Die Vorbereitung kostet jedoch, wenn man nicht ohnehin in der Bürokratie- und Lehrergewerkschaftsdüne stecken bleibt…
  • Was fehlt, sind wirtschaftliche Maßnahmen, die Arbeitsplätze in Kleinbetrieben, bei Handwerkern ermöglichen. Dort ist Masse machbar, die mit entsprechenden flankierenden Bildungsmaßnahmen im berufsbildenden Bereich kombiniert auch qualitative Entwicklungen ermöglichen würden. Das kostet, aber für sowas gibt’s EU Gelder.

Im Übrigen: das liebe Geld, Valls, der Fuchs, wird die Jägerin Merkel vor sich hertreiben, jene die gerne auf die Haushaltsfuchsbauten anderer hinweist. Wie das gehen soll? Einfach: Eine Destabilisierung Frankreichs triebe Europa in den Abgrund. Das zu vermeiden wird auch strategisches Ziel der deutschen Europapolitik (endlich) werden müssen. Das ist wie mit der deutschen Einheit, um Genscher zu zitieren, „das gibt es nicht zum Nulltarif“.

Valls hat’s im Parlament schon angedeutet.

Bonne chance, Monsieur le Premier Ministre

Alles Charlies, ehrlich??

Dieser Tage findet in Frankreich ein großer laizistischer, ökumenischer Götzendienst statt: Millionen Charlies bevölkern die Straßen. Sie nutzen das Ikon der satirischen Zeitschrift, um eines der höchsten Güter der demokratischen Republik, die Freiheit der Presse und der Meinungsäußerung gegen verbrecherische Banden zu verteidigen, die unter Berufung auf ihren Götzen meinen, Menschen umbringen zu dürfen oder zu müssen.

Diese Situation selbst, wenn sie nicht so ernst wäre, wäre der Satire würdig: Charlie-Hebdo ist ein anarchisch-satirisches Blättchen, das Gift und Galle auf alles spukt, was nach Staat und religiösem Sektentum riecht; religiöse „Würdenträger“, Staats- und Herrschaftsapparat, herkömmliche und weniger herkömmliche Sexualpraktiken, Erziehung und sog. bürgerliche Normen werden mit Genuss durch den Kakao oder ähnlich farbige Ausscheidungen gezogen.

Nun sind alle Charlie, um zu verteidigen, was Charlie im Grundsatz verachtet: den Staat, seine demokratische Ordnung, die Unantastbarkeit dieser Ordnung…an diese Dialektik muss ich mich noch gewöhnen.

Bin ich Charlie, echt?

Also nach Toulouse in die Stadt gemeinsam mit etwa 180 tausend Menschen in den Straßen, auf den Plätzen und Avenuen des Zentrums um Solidarität mit den Opfern der zwei feigen mörderischen Anschlägen in Paris zu bezeugen. Zu dokumentieren auch, dass uns Presse- und Religionsfreiheit ungeachtet aller DifferenzenATT00001 der Herkunft, des Glaubens und des sozialen Status Werte bedeuten, die es über diese Grenzen hinweg gemeinsam in einer Bewegung der „republikanischen Front“ zu verteidigen gilt.

Alle Charlies also, oder was?

Ich erlaube mir, obwohl ich mitgegangen bin, skeptisch zu sein. Die „nationale Einheit“, die einige auszurufen meinen zu müssen, schließt einen Teil der öffentlichen Meinung aus. Aus gutem Grund: In Frankreich schaukeln sich zwei antagonistisch scheinende, jedoch letztlich komplementäre gesellschaftliche Kräfte gegenseitig hoch; Islamisten, Post-Neofaschisten und katholische Integristen können ohne die Ergänzungsseite nicht leben; die Transfusion findet täglich, unter aktiver Mitwirkung der davon lebenden Medien statt. Es galt also, die National-Frontisten vor dem Charlie-Portal zu belassen. Und ich wäre keinen Schritt mit diesen Leuten gegangen. Sie gaukeln Lösungen vor, leben jedoch vom Problem, sind Teil des Problems und Problem-Treiber.

Also bin ich Charlie, ja?

Nein, ich bin es nicht. Charlie Hebdo habe ich nie gekauft (auch nie geklaut), seine Art, den Glauben anderer, mir vollkommen fremder Menschen, Katholiken, Moslems, Juden zu verhöhnen ist mir immer fremd geblieben, Charlies laizistische Aggressivität fand ich immer pubertär und unreif. Dass Millionen meiner Mitbürger nun meinen, damit eine symbiotische Identifikationsbeziehung eingehen zu wollen, finde ich befremdlich und einer in der Aufklärung wurzelnden Staatsphilosophie vollkommen unwürdig. Voltaire war mit seinen „Lettres philosophiques“ dieser Haltung um Jahrhunderte weiter. Aber der Bedarf an heimeliger Identifikationsbestätigung ist wohl so groß, dass man gerne vergisst, über wirksame nachhaltige Anti-Terrorismus Strategien nachzudenken.

Im Übrigen wäre es für mich Hochstapelei, mich zum Charlie zu ernennen: meine konformistische Weltanschauung ist ungefährdet, zwar oft politisch in der Minderheit, aber immer schön brav im anerkannten, ja respektierten institutionellem Mainstream. Nein, fürwahr, ich setze mein Leben nicht aufs Spiel, ob ich’s täte, wenn’s nötig wäre, vermag ich heute nicht zu versprechen.

„Charlie sum, ergo sum“? Die Metapher für ein Vakuum?

Nochmal, damit nichts in den schiefen Hals rutscht: Dass die Pressefreiheit – so es diese noch gibt –  eines der höchsten Güter ist, das es zu verteidigen gilt, ist unstrittig. Unstrittig ist auch, dass dem Treiben der islamistischen Banden mit größter Eile Einhalt zu gebieten ist. Soweit, so gut. Aber was steckt denn hinter der Behauptung „Je suis Charlie“? Nichts, schlicht und ergreifend nichts, denn diese Behauptung mündet in keine politische oder gesellschaftliche Strategie: Seit mindestens 30 Jahren weisen Experten und Nicht-Experten (zu diesen gehöre ich) darauf hin, dass eine Generation Jugendlicher (vorzugsweise maghrebinischer Herkunft, männlich) sich selbst überlassen wird. Das Schulsystem entlässt jährlich etwa 150.000 Menschen ohne Qualifikation, aber auch ohne gesellschaftliche Bindung oder Identifikation, einige lernen auf der Straße sich durchzuschlagen, manche reüssieren in Parallelwirtschaften, einige, ganz wenige, aber immerhin, werden in Gefängnissen konvertiert, radikalisiert und re-identifiziert. Neu ist, dass sie einen „Gottes-Staat“ im Rücken haben, der sie ausbildet, finanziert und ihnen eine „paradiesische“ Zukunft verspricht. Man möge bitte die Zahl der „adressierbaren“ männlichen Jugendlichen hochrechnen, dann weiß man, mit welchen „Marktgrößen“ IS-Experten meinen kalkulieren zu können. Dass in den westlichen Kanzleien sich so etwas wie Panik breitmacht, ist nach vollziehbar; dass jemand wie D. Cameron meint die „Werte verteidigen zu müssen, die Charlie repräsentiert“ ist nachgerade lächerlich: Franziskus bringt mehr Verständnis für die Schwulenehe auf als „Number 10 Downing Street“  für Charlies Religionskritik.

Charlie for President?

Ich habe Mühe das zu schreiben, was nun folgen wird, denn ich halte Hollandes Politik für richtig und notwendig – ich würfe ihm höchstens vor, nicht entschlossen genug auf diesem Weg voran zu schreiten. Aber er benötigt eine breitere Basis um überhaupt in Erwägung ziehen zu können, seine Kandidatur für 2017 mit etwas Aussicht in Angriff zu nehmen. Mit einer Doppelstrategie, nach alter Juso-Schule, gegen Islamisten und National-Frontisten, könnte es ihm gelingen, sich in der Mitte zu profilieren, Sarkozy zu schlagen und gegen Marine die Pen anzutreten. Wie Schröder braucht er den Dauerregen, die Elbe, die Gummistiefel und die Medien um weiterzukommen. Bonne chance, Monsieur le Président!

Désolé, ich bin nicht Charlie:

Mir ist diese „Strategie“ zu wenig. Ich erwarte einen Plan: den Sicherheitssumpf austrocknen, Jugendliche aus der Misere der Cités herausholen, die Wirtschaft von ihren erstickenden Regulierungen befreien, damit auch diese Menschen endlich, endlich Arbeit und eine Zukunft bekommen. Dann gibt es Aussichten, die Integrationskraft des Kapitalismus zu nutzen und, wie Engels sagte „den Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ neu zu erfahren.

Charlie wünsche ich ein langes Leben!

Triathlon der Demut

Ein Triathlon über die Halbdistanz ist eine herausfordernde  Sache. Für mich heißt das normalerweise: zwei Kilometer im Wasser um das Überleben kämpfen, dann 90 km auf dem Rad genug Essen, um mich anschließend beim Halbmarathon – zum Ende hin immer gequälter- freuen, dass ich es bis zu meiner Lieblingssportart Laufen geschafft habe.

Normalerweise, aber beim Berlin Triathlon XL am Müggelsee ist dieses Mal alles ganz anders. Ein Muskelkrampf aus heiterem Himmel, die Nacht vor dem Ereignis, macht aus meinem gewagten, ein sehr fragliches Vorhaben.

Meine Frau, die mein sportliches Treiben immer verständnisvoll aber auch mit gesunder Distanz beobachtet, stellt am Morgen vor dem Wettkampf die treffende Frage: Sollte der Krampf nicht nach dem Ziel kommen?

Was tun? Zuviel Magnesium birgt immer die Gefahr, das Rennen im Dixi-Klo zu erleben. Also positives Denken! Die Wirkungen auf den Körper sollen ja signifikant sein! Vielleicht stabilisiert sich dadurch auch der Mineralstoff-Haushalt?

Positives Denken ist für mich beim Schwimmen eh notwendig, denn die notwendigen Fähigkeiten für diese Disziplin habe ich sehr spät auf dem zweiten Bildungsweg im Selbststudium erworben. In der Konsequenz heißt das: Der Einsatz und Wille ist da; das Können stark eingeschränkt!

Nach dem Start am frühen Morgen ziehe ich locker meine Bahnen. Fast das komplette Feld der 200 roten Badekappen habe ich – wie geplant – vor mir aufgereiht. Die aufgestellten Bojen zur Orientierung für die führenden Schwimmer benötige ich nicht, denn ich habe genug Schwimmer als Orientierungspunkte. Wie hat schon Johann Cruiff, der berühmte holländische Fussballer, treffend formuliert: „Jeder Nachteil, hat auch einen Vorteil!“2013_00081 tria

Es irritiert mich nur, dass das als Wendepunkt zu umrundende Boot abgetrieben war! Hatten die keinen vernünftigen Anker? Das Boot muss weit mehr als nur einen Kilometer vom Start weg sein! Nun gut, ich bin dann auch endlich auf dem Rückweg und schaue mich um: Bei den vielen Brustschwimmern um mich herum schiebe ich den Gedanken weg, dass man normalerweise schneller krault als Brust schwimmt. Was heißt schon normalweise wenn man mit es mit lauter Champions im Brustschwimmen zu tun hat? Positives Denken – wie schon erwähnt, für mich im Wasser die zentrale Überlebensstrategie.

Doch dann der Schock! Beim Aussteigen aus dem Wasser über eine Treppe wird der linke Oberschenkel hinten zum Brett! Normalerweise ist Laufen vom Wasser zum Umziehen – der vierten Disziplin beim Triathlon – für mich ein euphorisches Ereignis: endlich raus aus der Brühe! Heute kann keine Rede davon sein. Fühle mich eher wie einer, der sich nach einer Wirthausschlägerei als zweiter Sieger nach Haus schleppt.

Ok, auf dem Rad bleibt der Muskel zunächst still; da ist ja auch eher die vordere Muskulatur an den Oberschenkeln gefragt. Und meist habe ich da auch andere Wehwehchen, die ablenken. Die Hände schlafen ein, der Rücken tut weh. Die Steigungen sind zu steil. Und bei den Abfahrten klappern meine Zähne, nicht mein Rad. Aber heute alles im grünen Bereich! Und ich überhole einen Schwimmer nach dem anderen. Das habt ihr nun davon, dass ihr Euch im Wasser so ausgetobt hat! Die Stimmung steigt zunehmend!

Im Ziel stelle ich das Rad schnell ab gehe gut gelaunt auf die Laufstrecke. Der Plan: möglichst schnell das Laufen wieder lernen nach den ersten steifen Minuten, die mir ein drei Stunden Ritt auf diesem unbequemen Gefährt namens Rennrad besorgt hat.

Dann der Schock! Im linken Oberschenkel hinten lauert etwas! Mit höchster Konzentration muss ich die Schrittlänge so anpassen, dass der sich ankündigende Tritt von hinten knapp unter dem Hinterteil nicht erfolgt. Die Frequenz der Schritte zu erhöhen ging schon früher nicht, warum soll es heute gehen?

Also das eigene Rennen laufen mit angezogener Handbremse, selbst wenn andere mit schleppenden Schritten gezeichnet von den Strapazen an mir vorbeiwanken. Einzig an den Verpflegungsstellen mache ich Plätze gut; denn Stehenzubleiben traue ich mich nicht, das wäre wahrscheinlich das endgültige Aus. Und Ankommen möchte ich heute trotz allem. Mit einer zen-artigen Gleichmut. Als mich vor dem Ziel noch eine Gruppe von ca. zehn Leuten überholt, tröstet mich der Gedanke, dass die mir noch soviel Zeit bis zum Ziel abnehmen werden, dass der Erdinger Weissbierstand schon wieder frei sein wird, wenn ich dann endlich ankomme.

Und tatsächlich, nach knapp sechs Stunden bin ich dann auch da. Mit mir durchaus zufrieden, besonders  wegen meiner Gleichmut und Geduld beim Laufen. Denn Geduld gehört normalerweise nicht zu meinen Stärken. Und ich empfinde Demut und Dankbarkeit, dass ich das Glück habe, in meinem Alter von 60 Jahren überhaupt noch so eine Verrücktheit machen zu können.

 

 

 

 

 

Ein Albtraum: Rente mit 18

Neulich hatte ich einen Traum: Ein Dachdenker steigt vom Gerüst. Unten steht Kurt Beck mit Tränen in den Augen. Und Andrea Nahles mit einem Geschenk-Karton. “Rente mit 63″ steht darauf. Endlich darf Kurt Becks Dachdenker runter vom Dach und muss nicht bis 67 in schwindligen Höhen herumturnen. Die Welt ist wieder ein Stück gerechter geworden. Unsere beliebte große Koalition lässt Träume wahr werden und löst Probleme, die gar keine sind. Alle sind glücklich.

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“Viele junge Hartz-IV-Empfänger in Berlin”, Quelle FAZ 2012

Nur die vielleicht nicht, die gar nicht ins Arbeitsleben finden. Rente mit 18 – ein Albtraum. 15% oder jeder sechste Jugendliche bleiben in Deutschland ohne Berufsabschluss. Ungefähr jeder zweite aus dieser Gruppe, stammt aus einer Familie, die ihren Lebensunterhalt mit Hartz4 bestreiten. Ein Drittel davon wird von der Bundesanstalt für Arbeit als „inaktiv“ eingeschätzt, also nicht arbeitssuchend oder in irgendeiner Beschäftigung. Ein ziemlich große große Gruppe, die aussortiert und wenig beachtet ihr Leben am Rande der Gesellschaft mit Sozialtransfers fristet. Nicht nur ohne Teilhabe am Erwerbsleben, sondern auch an anderen gesellschaftlichen Aktivitäten. Natürlich beteiligt sich diese Gruppe auch kaum an Wahlen.

Jetzt könnte man einwenden: Diese Gruppe gab es zu allen Zeiten. Keine Gesellschaft schafft es, Menschen zu 100% in das Erwerbsleben zu integrieren. Das ist richtig! Aber richtig ist auch, dass diese Problemgruppe inzwischen zahlenmäßig stark zunimmt – besonders durch Migranten. Und sich in bestimmten Städten und Bezirken wie in Berlin und Bremen konzentrieren.

Wie der Schulunterricht in so einem Stadtteil aussieht, schildert der Berliner Aushilfslehrer Philip Möller eindrucksvoll: “Isch geh Schulhof“. Die Hoffnungslosigkeit bei Schülern, Eltern und Lehrern, die er schildert, ist bedrückend – bei aller Situationskomik. Doch wie kann dieser Teufelskreis aus Frustration und Demotivation durchbrochen werden? Mehr Geld, für diesen Bereich zu investieren, ist zwar notwendig, aber längst nicht ausreichend. Geld alleine wird dieses Problem nicht lösen!

Zunächst einmal müssen wir – die Gesellschaft und die Politik – dieses Thema als eine der zentralen Herausforderungen der nächsten Jahrzehnte akzeptieren und den Zusammenhang mit dem demographischen Wandel und der zunehmenden Migration verstehen. Und dann bedarf es vieler kleiner Schritte, die auch nicht in einer Wahlperiode ihre Wirkung entfallen können.

Viele sinnvolle Initiativen gibt es jetzt schon: zum Beispiel Jugend in eigener Sache. Ein Projekt, mit dem Lehrern geholfen werden soll, Schüler “beschäftigungsfähiger” zu machen. Sicherlich sehr sinnvoll! Auch wenn an vielen Schulen die Probleme noch elementarer sein werden. Sicher ist aber auch: Die Lehrer werden bisher nicht auf die  Situation, die sie in solchen Problemklassen vorfinden, vorbereitet. Und viel zu wenig dabei unterstützt! Dabei sollte jeder Lehrer eine Auszeichnung bekommen, der es schafft, nur einen Schüler in eine Berufslaufbahn zu bringen, der es sonst nicht geschafft hätte. Denn es besteht die Chance, dass dieses Beispiel anderen Mut gibt, diesen Weg auch schaffen zu können.

Eine andere Initiative, die schon viel erreicht hat, ist Litcam von der Frankfurter Buchmesse und das Projekt Fussball trifft Kultur: 2007 hat Litcam begonnen Jugendlichen – meist Jungen – neben den Schule Lesen und Schreiben beizubringen. Mit Fussballern von Eintracht Frankfurt. Heute hat sich diese Projekt so ausgeweitet, dass viel Bundesligavereine und andere Organisationen sich daran beteiligen. Und die Aktivitäten gehen jetzt über einer reine Alphabetisierungskampagne hinaus.

Sehr gute Ansätze! Aber insgesamt noch viel zu wenig. Vielleicht kommt dieses Thema nach der Rente mit 63 jetzt endlich oben auf die Agenda der Politik. Und ein Politiker wie Herr Seehofer überrascht uns mit folgenden Worten:

“Es darf nicht länger sein, dass eine so große Gruppe von Menschen ohne Berufsabschluss und Perspektive am Rande der Gesellschaft lebt. Dieses Thema ist eines der zentralen Herausforderungen in Deutschland in diesem Jahrhundert. Es geht nicht alleine um soziale Folgekosten, es geht vor allem darum, ob wir uns als solidarische Gesellschaft begreifen und entsprechend handeln.

Wir müssen vor allem Lehrern und Schulleitern helfen! Aber das alleine wird nicht genügen: Wir benötigen ein breites gesellschaftliches Engagement, dass diesen jungen Menschen das Gefühl gibt, dazuzugehören und nicht ausgegrenzt zu sein. Auch wir, die wir in Bayern dieses Problem in vielen Gegenden bisher nicht haben, unterstützen dabei!

Viele von uns haben in den letzten Jahrzehnten einen persönlichen sozialen Aufstieg geschafft.  Ich als Kind aus einer Arbeiterfamilie weiss, wie wichtig Bildung dabei ist. Aber auch die Unterstützung von anderen Menschen in der Familie und im engen Umfeld. Lasst uns diese Erfahrungen nutzen! Gemeinsam können wir viel erreichen!”

 

 

 

 

 

Turkey a country of paradoxes and conundrums

Everyone seems to have an opinion about Turkey but hardly anyone seems really to understand the country and its people. Least of all the Turks themselves.

This might be due to the many faces the country has and the significant differences between the people who inhabit it.

One has to understand that demographically and culturally Turkey is still under the influence of its history defined by the multi cultural Ottoman Empire. Since at the time of the Ottoman Empire the state never aimed to create a homogeneous nation state, most of the present cultural and demographical differences are deep rooted.  Of course there are some exceptions to this statement; especially in the form of deportation of Armenians, with all its terrible consequences, during the 1st world war. Also the deportation of a major part of the Greek population during the 1st half of the 20th century is one of these significant exceptions.

Significant as they are, these movements in population have not created a more homogeneous society, not the least due to the migration of citizens of the collapsing Ottoman Empire to the Turkish Republic from Balkan countries, The Caucasus, Crimea and the Middle East.

Another historic event which strengthens the heterogeneity of the Turkish society, is the creation of the Turkish Republic up on the ruins of the Ottoman Empire.  During this transition the Turkish people have experienced a dramatic change in their cultural evolution like no other nations has. With the proclamation of the Turquie-400x211Turkish Republic in 1923, the state and the ruling elite have fully turned their backs to the Ottoman culture and history. State became secular, alphabet Latin, calendar Gregorian etc. etc. The state even decided what people should wear and what not.  This transformation resulted in a whole new dimension of diversity in the population of Turkey. Along the lines of existing segments of the society another dimension has been added. Those who are secular, pro-western and modernist versus those who are non-secular and conservative.

Consequence is that there is today no single definition with which you could define Turkish people. The values people have and their beliefs differ too much for that to be possible.

There are of course important elements that still hold the society together. Strongest being the shared history and the fact that many other countries/people seem to have less than friendly feelings towards Turks. This negative image is a legacy of several centuries of Ottoman rule when many of today’s neighboring countries were part of the Ottoman Empire. The ill feeling against Turks comes from many sources; religion being an important one when one looks at the West European countries.  The crusaders mentality is very difficult to eradicate. The centuries long animosity between Christians and Muslims is even today tangible in our world. However, even common religion does not create a friendly feeling towards Turks. The Muslim Arabs are probably the worst enemies of Turks.

This animosity from outside, shared history (both the recent Republican history as well as the Ottoman history), shared language and the nationalistic stance of the Republic hold a nation with high diversity, in a very large country, together. In the past 80 years the people living in Turkey developed a national consciousness like it was never the case before in the history of Turkish people.

Again here there is one important exception in case of the Kurds. The Kurds have in the past 30 years distanced themselves from the Turkish society. The reasons for this are worth a lengthy discussion but in summary the catastrophic mismanagement by the Turkish state and the interest of forces outside Turkey have resulted in this development.

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Bosphorus Bridge

This highly complex demographical, cultural, historical and political background makes it necessary to be well informed to be able to understand Turkey and the Turks. To be able to comment on events related to the country and its people, one has to understand this diversity and the history behind it.

The efforts of outsiders, like of the Western European media and politicians, to understand Turks or even to place Turkish people in one of their preconceived categories are therefore futile and often comical.

Lecturing Turkey and Turks on things like democracy and human- rights seems to become a favorite pastime of Western European media and politicians.  In doing so they often present an ill balanced view and forget about their recent history. This approach does also in no way help improve relations with Turkey and they certainly do not contribute the further development of Turkish democracy. It only strengthens the feeling of isolation of Turks and making them more suspicious about any idea of suggestion coming from the West.

In an age where news is increasingly being reduced to one-liner statements and where few people seem to have hardly any interest in forming a balanced opinion on any subject it is becoming increasingly difficult to understand Turkey. It is also becoming very difficult for Turkey to explain itself.  This results in the gap of understanding between the Western world and Turkey being ever present. Sometimes is the gap larger sometimes smaller but it never is closed resulting in mutual mistrust.

This is a sad development and a missed opportunity for Turkey, its neighbors and the West European countries. As a quick look into the history will show; these countries and people have a shared history, which involves far more than fighting wars. This shared history is a valuable basis for cultural, economical and political developments, which can be highly beneficial to al parties.

Unfortunately this potential is being overlooked by inconsistent and inwardly focused politics of recent Turkish governments and the elitist and populist politicians of the Western European countries.

 

 

 

Wie ich Politikberater wurde: ein Albtraum

Normalerweise berichte ich nicht von meinen Träumen, um böswilligen Interpreten keinen Spielraum zu geben. Der folgende (Alb-)Traum ist aber explizit genug und kann daher ohne weiteres nacherzählt werden:

Das war drei Tage vor dem zweiten Wahlgang der Kommunalwahlen, in der Buchhandlung La Préface in Colomiers. Ich wollte mir zur Erholung ein paar Krimis kaufen, denn Wahlen sind Qualen und wir waren eh nicht mehr dabei. Wen sehe ich da vor dem Krimi-Regal? In Radler-Hose, Banesto-Shirt, Adidas-Sonnenbrille und Once-Mütze bis tief in die Stirn geschraubt, nicht wieder zu erkennen? Manuel V. Innenminister! Wir kennen uns, von ganz früher, er Stadtrat in Evry, der Nachbarstadt von Corbeil, wo ich vor Jahrzehnten zur Schule ging.

Ich: Hola Manuelito, que tal? – Ich kann kein Spanisch, spreche aber ab und an ein Idiom, dass man für Spanisch halten könnte.

Er: Fredo, wie gext? – Er kann kein Deutsch, man versteht ihn aber. Das mit dem Fredo mag ich nicht, wollte ich geheim halten, allerdings ist mir Wahrheit wichtiger als Eitelkeit.

Seine zwei bulligen Begleiter, Nummer 1 Afro-Asiate, zwei Meter hoch, murmelt etwas in seinen Ärmel „Contrôle, urgent, vérification, Fredo“, Nummer 2, Redneck-Typ, etwas kleiner, dafür breiter, wahrscheinlich Ex-Legionär, versucht sich zwischen Minister und mir zu schieben. Wird von MV beiseite geschoben …

Er: Quelle surprise! Überraschung! Ich begann Böses zu ahnen.

Die Unterhaltung ging recht schnell voran:

Er soll nach der Wahl Premierminister werden, sagt Hollande, er will nicht, denn da kann man nur verlieren, er kann aber nicht nein sagen, nein, nein sagen kann er nicht.

Ich: Aha oder ha-ha …

Also er muss dann eine Regierungserklärung abgeben. Weiß aber nicht, was er da erzählen soll. Reformen will er schon, aber vor allem solche, die die Besserwisser aus der Parteilinken zur Weißglut bringen, nur solche, die Hollandes Popularität weiter den Bach runtergehen lassen, und solche, die die Konservativen und rechtsextreme in Rage versetzen. Trotzdem braucht er natürlich ein Vertrauensvotum im Parlament, weil er sonst politisch tot wäre.

Ich: So-so, und was habe ich damit zu tun?

Er fügt noch hinzu: Die doofen Deutschen sollen sein Programm zu lasch finden und die blöden Brüsseler Kommissare sollen aufheulen vor Entsetzen. Die EZ-Bänker den Mund halten. Dafür werden sie bezahlt und nicht zu knapp.

Ich nochmal: Was kümmert’s mich? Du, Manuelito, wolltest Politiker werden, jetzt sieh zu, wie Du klar kommst.

Er: Kannste nich‘ machen, Fredo, ich bin Innenminister, ich habe eine Akte über dich, seit du in Toulouse wohnst, bist du 21 mal mit dem Auto nach Deutschland gefahren und 68 Mal geblitzt worden! Du hast keine Radarfalle ausgelassen und nur einmal 80€ bezahlt, weil’s nicht anders ging. Alles zusammen wären es 11 426,27 € gewesen. Wenn du mir hier und jetzt einen Scheck machst, vergessen wir die Unterhaltung, wenn nicht … Er schob die Adidas-Brille zur Nasenspitze runter und ließ mich tief in seine schwarzen Augen blicken. Abgründe einer Politikerseele taten sich auf.

Ich: Hey, Manuelito, wer sagt denn, dass ich nicht helfen will? Aber kann ich das?

Er: Du bist gut beraten, mich gut zu beraten. Denn wenn ich auch nur auf Grund der Rede 1%-Punkt Popularität einbüße, kostet dich das die soeben genannte Summe, bei mehreren kannst du gleich den Multiplikator einsetzen.

Ich: Multiplikator?

Er: Also was ist?

Ich: OK. Wie wollen wir’s machen?

Er: Sofort ein paar Tipps aus der Lamaing, dann sehen wir weiter. Also: Je t’écoute, ich höre, aber leise, muss nicht jeder mitkriegen.

Ich: Der Reihe nach: Die Besserwisser der Parteilinken, die hassen dich, da kannste sagen was du willst, die watschen dich ab. So soll es sein, OK?

Er: C’est vrai. Und das Vertrauensvotum?

Ich: Kein Problem, die werden drohen, sich aber hüten eine Auflösung zu riskieren, die wären alle draußen.

Er: Und Monsieur FH, le Président ?

Ich : El Presidente? Erst recht kein Grund zur Sorge, du nimmst seine Erklärung vom Januar, verkündest das Ganze noch mal, aber so dass man dir den Tatendrang glaubt, FH aber für den Inhalt verantwortlich macht. Das bedeutet Popularität für dich, Verlust für ihn. Garantiere ich!

Er: Überzeugt mich nicht so richtig, der Holländer ist ein Schlaumeier …

Ich: Dann sag doch einfach wie JFK: Ick bin ein Olländer …

Er lacht (endlich): Und die Konservativen und Rechtsextremen?

Ich: Easy. a) Dran erinnern, wer das Land 10 Jahre lang mindestens in die Dings geführt hat. Und ein wenig Verantwortung für die letzten 2 Jahre übernehmen. b) Erwähnen, dass diese noch nie versucht hat, irgendetwas zu reformieren. Der letzte war Juppé 1995, danach hat’s niemand mehr probiert. Allein diese Erwähnung wird sie zum Toben bringen. c) Dann kannst du noch ein paar unternehmerfreundliche Reformen ankündigen und Verwaltungsreformen, z.B. Abschaffung der Départements und Zusammenlegung von Regionen. Das wird zwar nie klappen, aber wird sie zum Ausrasten bringen.

Er: Klingt gut, voll ein rechtes Programm, wie ich es mag. Und die Rechtextremen?

Ich: Einwanderungshärte zeigen, auf deine eigene Biografie als Einwanderer, Späteingebürgerter hinweisen, eine Träne der Dankbarkeit verbergen, ob der Wohltaten, die die Republik dir hat angedeihen lassen. Eine Ode auf die Integrationskraft der Republik singen. République, fierté, patriotisme, merci!

Er: Et Dame Merckel? Cette peine in ze bäck?

Ich: Compliqué… Versprich nur Dinge, von denen sie weiß, dass sie sie selbst wird nie in Angriff nehmen können, z.B. eine anständige Steuerreform, ordentliche Sparmaßnahmen in den öffentlichen Haushalten durch Effizienzsteigerungen, eine Reform des Krankenversicherungswesens. – Verbinde es mit einem Aufschub an der 3%-Front, dann schauen wir, was passiert: Sie wird, wie immer, einknicken, aber zu spät.

Er: Sehr gut, sehr überzeugend, Du schreibst was, 18 Seiten, Motto „Wahrheit, Effizienz, Vertrauen“ bis Sonntagabend, 22 Uhr 30. Es wird jemand vorbei kommen und den Text abholen. Du vernichtest die Datei. Denk dran, ich erfahre alles!

Ich habe mir noch schnell 4 Bücher gekauft, die mir das Grundgerüst für Details liefern sollen und mich an die Arbeit gemacht. 6 Seiten am Tag? Sollte möglich sein.

Die Rede hat er gehalten: http://www.gouvernement.fr/premier-ministre/verite-efficacite-confiance-declaration-de-politique-generale-du-premier-ministre – Quasi unverändert.

Und nun schauen Sie sich die Popularitätskurven an: http://www.lejdd.fr/Politique/Barometre-JDD-40-points-d-ecart-entre-Hollande-et-Valls-661500

Bin gespannt, was nach den nächsten Radarfallen passiert. Wie gesagt, es war nur ein Albtraum!

Kommt das jemandem Spanisch vor?

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Cazeneuve (Inneres), Montebourg, Royal, Valls, Taubira (Justiz),Rebsamen (Arbeit &Sozialpartner-schaft)

Paris im spanischen Doppelpack: Der Exil-Katalane Valls als Premierminister und Anne Hidalgo, aus Andalusien stammend, im Rathaus. Einwanderungserfolgsstories von denen andere Länder nur träumen können. Soweit die gute Nachricht. Nun zum Rest.

Sonntag: Fiasko der Sozialisten, ja der Linken insgesamt, bei der Kommunalwahl. Wählerinnen und Wähler haben auf meine Kriterien eindeutig geantwortet: Wahlbeteiligung im Keller (etwa 40% Nicht-Beteiligung), 150 Rathäuser an Rechte oder Rechtsextreme verloren, davon 14 Rathäuser an die Front National oder ihre Verbündete. Eine unzweifelhafte Absage an die Regierung und an Hollandes Art das Land zu regieren zu versuchen und aus der Krise zu führen.

Auffallend ist, dass wichtige Großstädte diesen Trends nicht komplett nachgegeben haben, was darauf hindeutet, dass die etwas wohlhabenderen Mittelschichten nicht in allem mit der Regierung uneins sind. Dieser Eindruck wird verstärkt vom abschneiden der Grünen in manchen Städten oder Wahlbüros. Allerdings sind die Ergebnisse in den Wohnbereichen der unteren Mittelschichten sowie in den „quartiers populaires“ und den euphemistisch „Problembezirke“ genannten „cités“ für die Linke insgesamt verheerend. Das betrifft im Übrigen nicht nur die Sozialisten sondern auch Kommunisten und andere extrem linke Parteien oder Bündnisse, die dachten, aus der Oppositions-Haltung heraus, noch ihre Stimmen und Rathäuser ins Trockene bringen zu können. Dem war in der Regel nicht so. Die linken Parteien oder Bündnisse sind also Opfer einer Zangenbewegung, die bereits andere sozialdemokratische Parteien betroffen hat (nicht zuletzt die SPD), man wird von Traditionsmilieus verlassen ohne neue Mittelschichten oder Jugend hinzu gewinnen zu können.

Die Kommunalwahl hat gezeigt, dass der Versuch eine Reformpolitik einzuleiten (oder diese auch nur anzukündigen) vom traditionell sozialistisch-sozialdemokratischen Wählermilieu erbarmungslos abgestraft wird. Wer die Krise verursacht hat, interessiert niemanden. Was zählt, ist die Lösungskompetenz, die real-messbare oder die demagogische à la Front National.

Montag: Hollande spricht im Fernsehen auf allen Kanälen, wie ich vorab noch vor dem ersten Wahlgang angekündigt hatte, um mitzuteilen, dass er die Botschaft empfangen habe, eine neue Regierung bilden lässt (ein „Kampfkabinett“) unter Manuel Valls. Drei Ziele, die Wirtschaft anschieben, soziale Gerechtigkeit in den Fokus nehmen und die Energiewende vorantreiben. Die Einschaltquoten sind sensationell hoch, die Nominierung von Valls, dem vormaligen Innenminister kommt eher gut an, ihm wird zugetraut, Handlungsstrategien zu entwerfen und umzusetzen, die die nötigen Impulse für Wachstum und Reformen geben können. Es sei hinzugefügt, dass Hollande natürlich auch eine Botschaft nach Brüssel geschickt hat, um zu erreichen, dass eine aktive Wachstumspolitik betrieben werden können muss, wenn man verhindern will, dass die Eurofeinde jeglicher Couleur eine dominante Mehrheit erreichen. Mit anderen Worten: Beim Thema Haushaltssanierung möge man ein Paar Augen zudrücken.

Dienstag: Valls verhandelt mit Hollande hinter verschlossenen Türen die Kabinett-Zusammensetzung. Das ist ein Drahtseilakt, in dem versucht wird, die unterschiedlichsten Strömungen der PS mit den Grünen zusammenzuschmieden. Was die Grünen anbelangt geht es schief: Sie erteilen der Regierungsbeteiligung eine Absage. Was die Gewichtung innerhalb der PS-Strömungen anbelangt, habe ich den Eindruck, dass man an den linken Flügel erheblich Konzessionen wird machen wollen. Obwohl, oder gerade weil, Valls für unorthodoxe wirtschaftspolitische Positionen bekannt ist.

Mittwoch: das Kabinett wird präsentiert, nur noch 16 Ministerinnen und Minister. Einige Reformer, zugegeben sehr blasse, wie Moscovici, dem vormaligen Wirtschafts- und Finanzminister sind nicht mehr dabei. Ohne hier auf Einzelheiten eingehen zu können, die traditionell etatistischen Flügel scheinen mir überrepräsentiert. Montebourg als Wirtschaftsminister halte ich, mit Verlaub, für eine signifikante Fehlbesetzung. Allerdings, typisch Hollande, erhält er keinen Zugriff auf die Verhandlungen mit der EU und auch nicht auf die des Freihandelsabkommens mit den USA, diese Themen wurden Fabius und dem Quai d’Orsay zugeordnet. Auch nicht auf die Energiewende, denn: Ségolène Royal ist zurück, trotz ihrer redundanten Wahlmisserfolge und chaotischen Stellungnahmen; auf den Tag genau wird sie 22 Jahre nach ihrer ersten Ernennung zur Umweltministerin erneut…Umwelt- und „Energiewende-Ministerin“. Wie deren Narzissmus mit jenem von Gabriel harmonieren wird? Abends, auf TF1, der erste Auftritt von Valls im Fernsehen, den er mit Brillanz und Charisma besteht. Allerdings verplappert er sich, als es darum geht, die Rollenverteilung mit dem Präsidenten zu definieren: Er meint zunächst „bestimmen“ zu können („fixer“), um dann schnell mit „umzusetzen“ („mettre en oeuvre“) nachzubessern. Das ist genau das Konfliktpotential, das dem Konstrukt zu Grunde liegt und das bis 2017 halten sollte – so die Parlamentsmehrheit zwischendrin nicht abhanden kommt, wie die FAZ hoffnungsfroh unkt. Ob das operativ funktionieren wird, der Zauderer und der Hans-Dampf auf dem Tandem? Zeitgleich rudern und zurückrudern?

Zur Frage „ kommt Ihnen etwas Spanisch vor?“, die im Interview bei TF1 natürlich nicht gestellt wurde, bemerkte Valls verschmitzt-ironisch in Hinblick auf die PS-Strömungen „Nous sommes tous hollandais“, was man durchaus auch als niederländisch-sozialdemokratische Zuordnung verstehen kann, eine noch heterodoxere Variante als jene, teutonische, die der Vorgänger Ayrault vertrat. Mutig ist er allemal, der bekennende Barca-Fan.

Mission Walhalla von Philip Kerr

Dieser Tage habe ich, um mich von den Strapazen eines erfolglosen Wahlkampfes sowie einer bzw. mehrerer nicht ganz schmerzlosen Fahrradverletzungen zu erholen, einen Wälzer von Philip Kerr gelesen: „Vert-de-gris“ auf Französisch („Field Grey“ englisch, deutsch großspurig „Mission Walhalla“ – Eine Nummer kleiner wäre nicht gegangen?).

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Philip Kerr

Kerr ist bekannt vor allem durch seine Berlin Trilogie sowie wegen seiner Fähigkeit, den (deutschen) Kommissar Bernie Gunther durch die Zeitgeschichte zu jagen, ab Tertium Imperium bis in die Adenauer-Republik des kalten Krieges. Dabei bekommt er es mit allerlei finsteren Mächten und finsteren Machthabern zu tun: Heydrich, Himmler, Eichmann, Peron etc…Im vorliegenden Roman geht es um Erich Mielke. Man erinnert sich: Polizistenmörder und Stasi-Chef.

Meistens war ich von der Lektüre der Kerrschen Historienkrimis angetan, wenn auch Kürze und Präzision nicht gerade herausragende Eigenschaften seines Schreibens sind. Bei Field Grey bin ich so auf eine neue Definition des beliebten Verlags-Werbe-Arguments des „Page turners“ gekommen: Man kann, ohne dass das Verstehen Schaden nähme, Seiten querlesend überspringen, was die Lektüre ungemein beschleunigt. Darüber hinaus sei erwähnt, dass bei diesem Band Plot und Intrige an Inkohärenz und Konfusion kaum zu übertreffen sind. Ist im Prinzip aber egal, man will ja unterhalten und nicht von was auch immer überzeugt werden. Sein Held Bernie ist da eine nette Projektionsfläche, da dieser zynisch-pragmatisch und nicht maulfaul, wie ein deutschsprechender Brite, das Geschehen kommentiert.

Wie komme ich nun zu dieser Zuordnung in der Rubrik „Keiner mag Frankreich“? Bernie soll, in Himmlers Auftrag, Erich Mielke auffinden, der nach der Niederlage der republikanischen Truppen (siehe weiter oben im Blog: Retirada) in einem der französischen Internierungslager gefangen gehalten wird. Es ist unklar, ob dies den biographischen Tatsachen entspricht. So kommt B. nach Paris, Gurs, Le Vernet und wieder nach Paris. Später arbeitet er für den französischen Geheimdienst, u.a. um Mielke und einen französischen Kriegsverbrecher der “SS-Division Charlemagne” ausfindig zu machen. Es sei hier erwähnt, dass Restbestände dieser Truppe sich 1945 nach Berlin durchgekämpft haben, um im Umfeld der U-Bahn-Station “Französische Straße” (!) als letzte Verteidiger des Bunkers von AH zu agieren.- Es sei hinzugefügt, dass die Franzosen nicht die Exklusivität von Bernies Diensten genießen, Russen und Amerikaner dürfen auch mitmischen. Philip Kerr hält es nun für notwendig, Bernie zum Sprachrohr einer vollkommen schrägen Völkerpsychologie zu machen, die mit der mehr oder minder bekannten Totalitarismus-Theorie sowie der Nolteschen Geschichtsinterpretation gekoppelt wird. Der Witz ist dabei, dass Bernie vollkommen anachronistisch denkt und Symbiosen von Theorien vornimmt, die er nicht kennen konnte, denn Noltes “Historikerstreit” z.B. entfaltete seine Wirkung erst Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Bernie also als echter “Vor-Denker”.

Rasch zum Stichwort Frankreich/Franzosen: Ich karikiere die Karikatur, hier die Sub-Stichwörter: Fressen, Feigheit, Flucht, Ficken, Faulheit, Falschheit – um beim Buchstaben „F“ zu bleiben. Deutsche Frauen werden vergewaltigt, französische prostituieren sich (Ich will keine falschen Erwartungen bei Leserinnen oder Leser aufkommen lassen, die das Thema gerne mit etwas Sex gewürzt sähen, es bleibt ein verklemmt-angelsächsisch-puritanischer Text). Dazu die Botschaft, dass Franzosen die besseren Faschisten und Antisemiten gewesen seien. An dieser Stelle kommt die Totalitarismus-Theorie ins Spiel: Die französischen Faschisten hätten Konzentrationslager gebaut und genutzt, die schlimmer gewesen seien als die deutschen Entsprechungen oder Modelle. Der Vergleich mit Dachau erfolgt explizit. Das führt zu Betrachtungen allgemeinerer Art, zu sowjetischen Gulags und dem deutschen System, sowie die mitgelieferte Erkenntnis, dass der Nationalsozialismus ja ohnehin nur eine Antwort auf die bolschewistische Gefahr gewesen sei – siehe Nolte. Dass nun der gute Bernie zu einer Art Arendt/Nolte-Symbiose mutieren musste, tut dem Buch nicht gut und Hannah Arendt unrecht. An vielen Stellen verbirgt sich hinter dem Krimi nichts anderes als ein ärgerlicher, weil plumper Propaganda-Text, der allerdings, wenn man die Kommentare der Leser bei Amazon zur Kenntnis nimmt, seine Wirksamkeit nicht verfehlt.

Glücklicherweise hat Kerr darauf verzichtet, Bernie die Möglichkeit zu geben, Arendt und Mielke zusammenzuführen (Hannah Arendt war in Gurs interniert – nach dem Roman war Mielke in Le Vernet) und darüber debattieren zu lassen, wie die neue deutsche Gesellschaftsordnung nach der Befreiung vom Nationalsozialismus würde aussehen können, im Spannungsfeld zwischen freiheitlicher Gesellschaftsordnung und Diktatur des Proletariats.

Ich will betonen, dass es mir nicht darum geht, die Verbrechen des Pétain-Regimes zu leugnen, auch nicht den hohen freiwilligen Anteil, den deren Handlanger bei Verfolgung und Holocaust in Zusammenarbeit mit den Nazis geleistet haben. Es geht um die mitgelieferte Völkerpsychologie sowie die Geschichtsinterpretation und Systemvergleiche, die dem Buch eine fatale, weil anachronistische Richtung geben.

Schade, dass eine gute Romanidee so leichtfertig aus historisch-ideologischen Gründen verspielt wurde.

PS 1: Philip Kerr erzählt, dass er als Zwölfjähriger zu Schreiben anfing, Pornos, nach dem Muster von Lady Chatterley. Als sein Vater dahinterkam, musste er zur Strafe diese Texte seiner Mutter vorlesen. Vielleicht erklärt das die puritanische Verklemmtheit beim Andeuten der „Sache“?

PS 2: PK erklärt in einem Interview, das ich nach dem Schreiben des obigen Beitrags gefunden habe: “I always worry I’ve probably written one too many Bernie Gunther books, and that I should probably give him his gold watch.” I’m afraid you’re right, Mister Kerr.