Allein fahrende Taschen in der Regionalbahn

In den Regionalbahnen – weniger in den S-Bahnen – fällt mir zunehmend ein Phänomen auf: Allein fahrende Taschen, die auf einem Sitz lagern, aber niemand zu gehören scheinen. Trotz eines vollen Zuges und obwohl sie augenscheinlich keinen Fahrschein besitzen, belegen diese Taschen Sitzplätze. Der sitzende Mensch daneben, scheint mit dem Bündel neben sich, nichts zu tun zu haben. Darauf angesprochen, schaut sie oder er erst weg und räumt den Nebensitz dann widerwillig, nicht ohne missbilligend und schlecht gelaunt in das Weite des Zugabteils zu starren.

Quelle Keystone

Es gibt Zeitgenossen, die haben diese Art des Egotrips und der persönlichen Abschottung weiter perfektioniert: Sie sitzen am Gang, platzieren die Tasche am Fenster und verriegeln dann den Zugang mit lang ausgestreckten Beinen. Sie haben dicke Kopfhörer übergestülpt und halten die Augen geschlossen, um jedem klar zu machen, dass sie nicht angesprochen werden wollen, schon gar nicht auf die Tasche. Wer es trotzdem wagt, in diese feindselige Festung einzudringen und diesen Menschen fragt, ob der Sitzplatz daneben frei sei, erntet empörte Blicke.

Die Beine werden dann zunächst so langsam eingefahren wie der Ausleger eines überdimensionalen Baukrans. Der Kopfhörer bleibt auf und wird gegen Abrutschen gesichert. Langsam in Zeitlupe wird die wahrscheinlich tonnenschwere Tasche vom Sitz entfernt und zwischen die Beine geklemmt. Nicht ohne darauf zu achten, dass die Tasche so platziert ist, dass das Erreichen des nun freien Sitzplatzes akrobatisches Geschick erfordert. Strafe muss sein!

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