Politik für Anfänger

Es gibt Länder, die sich Demokratie nennen, da soll es gang und gäbe sein, dass Politiker Wähler mit Geldscheinen bestechen, damit sie an der richtigen Stelle ihr Kreuz machen.

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Glücklicherweise sind wir von solchen Sitten weit  entfernt. Bei uns funktioniert Politik völlig anders. Um zu verstehen wie und mit welchen Mechanismen, versetzen wir uns in eine kleine mittelalterliche Stadt und stellen uns vor, die hätten unsere Demokratie mit Regierung und Parlament.

Und schon sind wir mittendrin in einer Fraktionssitzung der Regierungspartei  im  Ort Hinterweiler. Thema: Wie können wir bei der nächsten Wahl mehr Stimmen bei den Leuten in den Vortorten gewinnen? Dann kommt ein spannender Vorschlag: Die Leute müssen doch immer zu Fuß von den Vororten in die Stadtmitte zur Arbeit gehen. Wenn wir sie dabei entlasten, verbessern wir unser Ansehen und bekommen mehr Stimmen.

Nach kurzer Pause entsteht auf den hinteren Bänken die wegweisende Idee: Die Leute verbrauchen auf ihrem Weg Kalorien, dafür geben wir eine Hilfe in Form von zwei Semmeln. Sie sehen Hinterweiler liegt in Bayern, die Idee funktioniert aber auch in Schwaben, da sind es dann Weckle oder in Niedersachsen Brötchen.

Von der Fraktionsspitze kommt nun der Einwand: Das wird uns von der Oppositionspartei und den Medien als direkte Bevorzugung der „Vorortler“ vorgehalten. Eine Arbeitsgruppe findet  nach einiger Zeit die rettende Lösung: Nicht die „Vorortler“ werden subventioniert, sondern die Bäcker, die den „Vorortlern“ die Brötchen zuteilen sollen.

Diese geniale Lösung hat mehrere Vorteile. Jeder Einwand kann nun weggewischt werde mit dem Zauberwort:  Arbeitsplätze!  Denn es werden ja Arbeitsplätze bei den Bäckern gesichert.

Ja noch mehr: Es entstehen neue Arbeitsplätze in der Stadtverwaltung, um die Zuteilung der Brötchen zu überwachen. Darüber spricht man dann aber nicht so laut öffentlich, denn selbst in Hinterweiler ist dieser Art der Aufblähung der Stadtverwaltung – außer bei den abgehalfterten Politkern , die auf diesem Weg versorgt werden  -  nicht mehr sehr populär.

Die große Regierungspartei ist glücklich und freut sich auf die nächste Wahl. Wenn da nicht der kleine Koalitionspartner wäre, der zähneknirschend zugestimmt hat, jetzt aber auch seine Leute bedient haben möchte.

Treue Wähler des kleinen Koalitionspartners sind die Wäschereien der Stadt bzw. deren Besitzer. Der kleine Koalitionspartner hat nun für alle überraschend festgestellt, dass der Bach im Ort weniger Wasser führt als der im Nachbarort. Die Wäschereien sind von der außerstädtischen Konkurrenz bedroht! Sie werden es schon ahnen: es droht ein Verlust an Arbeitsplätzen. Also wird eine „Wenigwasserhilfe“ erfunden, um die Chancengleichheit wieder herzustellen.

Alle sind glücklich. Außer  – sie ahnen es vielleicht schon – die Oppositionspartei, die sitzt nämlich nicht an der Quelle, um Wohltaten zu verteilen. Ihre Waffe trifft aber ins Herz:  Sie fordert eine Erhöhung der Hilfe für die Armen. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, werden Demonstrationen organisiert, auf denen die Regierungsparteien  als asozial und herzlos gebrandmarkt werden.

Die Parteien, die am Ruder sind, müssen der Opposition den Wind aus den Segeln nehmen, um die Wahlen nicht zu verlieren, und erhöhen die Hilfe für die Armen. Dabei betonen Vertreter der Regierungspartei, dass man sogar über die Forderungen der Opposition hinausgegangen ist.

So oder ähnlich funktioniert Politik in Hinterweiler. Aber nach ein paar Jahren stellt man fest, dass viel mehr Geld ausgegeben wurde als man eingenommen hat. Der größte Anteil der Steuern wird nun schon von den Zinsen aufgefressen, die man für die vielen aufgelaufenen Schulden bezahlen muss.

Guter Rat ist teuer! Die Hinterweiler Parteien beraten gemeinsam und haben die rettende Idee: Alle Parteien verpflichten sich in 10 Jahren keine Schulden mehr zu machen. Das habe schon einmal den Vorteil, dass die Parteien noch ein bisschen so weiter machen könnten wie bisher. Und damit  niemand die Parteien dafür verantwortlich machen könne, wenn ein Verlangen nach einer neuen Wohltat nicht befriedigt werde, sollte diese Regel in das goldene Stadtbuch eingetragen  und Schuldenbremse genannt werden. So geschah es denn!

 

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