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Anleitung für Marathon-Zuschauer

Am Sonntag ist es wieder soweit: 50.000 Marathonis werden sich mit schmerzverzerrten Gesichtern durch die Straßen Berlins quälen.

Als bekennender Endorphin-Junkie versuche ich hier eine Kategorisierung meiner männlichen Kollegen. Läuferinnen ticken meist anders.

Die „zweiten Bildungsweg-Läufer“

Er  hat nicht einmal in der Tischtennis-Kreisklasse sportliche Erfolge vorzuweisen; dann mit ca. 35 Jahren beginnt die Laufkarriere.

Nach relativ kurzer Trainingszeit bekommt die Figur neue, nicht gekannte Formen. Die Anzahl der durch “Läuferlatein” genervten Freunde steigt ständig; ebenso die Länge der Laufstrecken. Der erste Marathonlauf ist ein Großereignis wie Examen, Heirat oder Geburt eines Kindes. Nach dem Lauf ist vor dem Lauf.

Und dann der erste jähe Absturz: Eine Sehne oder ein Knie zwickt aus dem Nichts. Ignorieren hilft genauso wenig wie diverse Arztbesuche bei mühsam recherchierten Spezialisten. Der nächste Laufevent – dieses Mal schon in fernen Ländern gebucht – ist ernsthaft gefährdet.

Jetzt kommt der „zweite Bildungsweg-Läufer“ in die entscheidende Phase der noch jungen Laufkarriere: Ausgiebig das Gesundheitssystem nutzen oder vernünftiger weiter machen?

Was hilft? Beim nächsten Lauf wird ein langsamerer Laufpartner – besser noch eine Laufpartnerin –  begleitet. Angestrebtes Gefühl: die Füße schlafen ein. Zur Beruhigung sollte dieser ehrgeizige Läufer vorher sich mit einer Dosis Baldrian „dopen“.

Die JoJo-Läufer

Die ersten wärmenden Sonnenstrahlen im Frühjahr treiben den JoJo-Läufer in die Natur, einen Marathonlauf nach den Sommerferien im Visier.

Im Trainingstagebuch fehlt die Kategorie „Gewicht“ nicht. Und tatsächlich, es tut sich etwas.

Abends erkennt man diesen Typus Läufer an Salat und Wasser. Die Freunde berichten verwundert von nicht lange zurückliegenden abendlichen Ausschweifungen.

Die Phase der Kasteiung hält allerdings nur bis ca. 10 Minuten nach dem großen Ereignis Marathon. Die sportlichen Aktivitäten der nächsten Monate sind dann mehr theoretischer Natur: sie beschränken sich auf Schilderungen vergangener Glanztaten, die besonders beeindrucken, da die äußere Erscheinung – speziell nach Weihnachten – in auffallendem Gegensatz zum Erzählten steht.

Bis dann wieder der nächste April naht.

Die Everest-Typen

Die Everest-Typen suchen ihren ersten Berg in Berlin, Hamburg, Köln oder New-York. Wenn diese ersten 42 Kilometer bezwungen sind, können nur noch neue, weit größere Herausforderungen locken.

Coast to Coast in Südafrika oder vielleicht auch ein Marathon in den Alpen oder die 100 Kilometer von Biel. Beliebt sind auch Ausflüge in den Himalaya.

Inzwischen sind Marathonläufe für diese Läufergattung so etwas wie für Reinhold Messner Spaziergänge in seiner Südtiroler Heimat; natürlich in Messners besten Zeiten.

Die Fähigkeit, den eigenen Körper maßlos zu schinden, adelt diese Läufer und hebt sie aus dem einfachen Fußvolk der plebejischen Läufermasse hervor. Diese Attitüde wird mit zunehmendem Lebensalter durch härteres Training verbunden mit ausgiebigen Arztbesuchen erkämpft.

Die Konvertierten

Diese Gruppe hebt sich durch eine Besonderheit ab: hinter ihnen liegt meist eine Vergangenheit geprägt durch exzessiven Nikotingenuss, Leibgerichte, mit denen der Verdauungsapparat überdurchschnittlich lange beschäftigt ist, und obendrauf viel Stress im Beruf.

Doch plötzlich die radikale Wende: Frühere oft besuchte Kneipen werden nun plötzlich erbarmungslos geächtet. Lektüre über gesunde Lebensweise bieten den Fundus, um die genervte Umgebung mit dogmatischen Vorträgen über gesunde Lebensweise zu beglücken.

Der erste Marathon wird vorbereitet wie eine Apollo-Mission: nichts dem Zufall überlassen, sogar das Anziehen der Socken wird trainiert.

Wenn ein Läufer aus dieser Gruppe bei einem Stadtmarathon im Ruhrgebiet einen rauchenden Zeitgenossen Meter weit hinter der Absperrung ausmacht, ruft er nach einem Beatmungsgerät.

Erste Schwächen des eigenen Körpers werden zunächst ignoriert, dann mit absolutem Unverständnis und später mit innerer Wut aufgenommen: „Das kann doch nicht das Ergebnis sein!“

Manche kurzzeitigen Marathon-Kämpen werden in der Folge als zweifach Konvertierte wieder an alten abendlichen Wirkungsstätten in eine Rauchwolke gehüllt entdeckt. Doch nie mehr auf Laufstrecken!

Also dann, bis zum nächsten Marathon!